Tagebucheinträge von 1997

Paris - Rubaix Tour de Suisse Trainningslager Mai
Polenrundfahrt Tour de France Trainingslager Dezember
Galpe 24.2.97
Ich habe mich schon lange auf heute gefreut. Das Training über den Col des Rates fahre ich jedes Jahr gerne, es gehört beinahe zur Tradition. Ich verstehe alle die Deutschen, Schweizer und Belgier, die hier leben. Eine super Gegend, immer schönes Wetter und ideal zum Trainieren. Viele Rennfahrer leben hier oder haben eine Wohnung, um im Winter gut zu trainieren; Zülle, Bruynel, Indurain, Jeker, Saitov und wie sie alle heissen. Und ich kehre wenigstens jedes Jahr zur Valenzia - Rundfahrt hierher zurück. Eines von den schönsten Rennen die es gibt.
Mein aktueller Kilometerstand seit dem 1.Januar: 4638

Galpe 26.2.97
2.Et. Valenzia Rundfahrt
Man, bin ich kaputt. Gestern habe ich vor dem Start der Etappe noch 90 km trainiert und dann die eher ruhige Etappe von 160km ohne Probleme überstanden. Aber heute habe ich dafür gezahlt. Ich war die ganzen 180km im "Hänger" aber am Schluss war ich doch noch im ersten Feld von ca. 60 Fahrern. Im Gesamtklassement habe ich immer noch die gleiche Zeit wie der Leader! Ich könnte also noch gewinnen. Gestern gewann Mario Cippollini den Massensprint und heute Maurizio Fondriest.

Galpe 27.2.97
3.Et. Valenzia - Rundfahrt
Heute war für mich Erholung angesagt, ich spüre die Beine noch stark von Gestern. Aber die Etappe war ideal dazu, 190km, flach und den ganzen Tag Gegenwind (Da ist es sehr einfach, im Feld mitzufahren). Der Durchschnittspuls betrug dann auch nur 117 Schläge, und dass an einem Rennen! Aber eine kleine Attacke konnte ich mir dann doch nicht verkneifen, was mir dann den heutigen Maximalpuls von 180 Schlägen gebracht hat. Allerdings zu Gestern mit 194 Maximalpuls und 155 Durchschnittspuls auf den letzten 90km war das heute ein Pappenstiel. Dafür hat den Massensprint trotz warmen Füssen Eric Zabel gewonnen (er trägt diese Saison immer Schuhüberzüge! Seine neuen Rennschuhe sind noch nicht angekommen).

Valenzia 1.3.97
5.Et. Valenzia - Rundfahrt
Endlich habe ich wieder ein bisschen Zeit. Gestern "Tappa e maglia", das musste gefeiert werden. Rudolfo Massi gewann die Etappe vor Pascal Chanteur (beide Casino) und Pascal im Leadertricot! Dafür mussten wir heute morgen etwas arbeiten, es gab ein Massensprint; Chanteur 3. und immer noch im Leadertricot. Leider hatte der 40. im Gesamtklassement nur gerade sieben Sekunden Rückstand. So entschied das Zeitfahren, wo sich unser Chanteur gut verkaufte und neunter wurde, im Gesamtklassement aber auf den sechsten Rang zurückfiel. Wir sind aber trotzdem sehr zufrieden. Mir ist es nicht so gut ergangen, ich erwischte gestern einen schlechten Tag und bin mit Biarn Rijs in der letzten Gruppe im Ziel angekommen.

Mailand, 21.3.1997
Der heutige Tag ist ideal gelaufen, eine gute Grundlage für das lange Rennen morgen. Zuerst bin ich 16km im Schneegestöber locker Radgefahren und dann direkt eine Stunde intensives Training auf meinem Hometrainer. Pulsschnitt von 148 und im ganzen 24 Minuten über 400 Watt. Am Schluss waren dann die Beine endlich wieder gut, sehr gut sogar. Jetzt habe ich ein gutes Gefühl für Mailand - San Remo. Und Heute darf ich den ganzen Tag soviel essen wie ich will, schliesslich sind es morgen inklusive Neutralisation am Start über 300km.
Mein Favorit auf den Sieg, Weltmeister Johann Museeuw.

Mailand - San Remo
Endlich geht’s los, über Kopfsteinpflaster und Tramschienen bis wir aus der Stadt raus sind. Beim offiziellen Start nach sieben Kilometer; soll ich den Fahrradkilometerzähler auf Null stellen wie normal, oder weiterlaufen lassen bis zum Ziel? Wenn ich ihn weiterlaufen lasse, wird er ihm Ziel über 300km anzeigen. Ich stelle ihn auf Null und bereue es gleichzeitig.
Der Wind bläst dreiviertel von hinten, das begünstigt Fluchtgruppen, also nichts wie los an die Spitze des Feldes, in die ersten zwanzig wenigsten. Nichts passiert, wir fahren gemächlich, nur nicht täuschen lassen und vorne bleiben. Soll ich meine Freunde im Feld suchen und ein bisschen schwatzen? Nein, ich will ein gutes Rennen fahren, und vielleicht passiert ja so etwas wie 1990, als 40 Mann am Start weggefahren sind und erst im Ziel wieder gesehen wurden. Batik beginnt zu fahren, die ganze Mannschaft, was zum Teufel wollen die? Wenn sie das Feld teilen wollen, müssen sie schon ein bisschen schneller fahren. Der Once Fahrer vor mir schwenkt auf einmal aus und lässt das Loch vor mir offen, ich schliesse es und schon wieder habe ich ein Loch. Dieser sch.... Wind ist doch stärker als ich geglaubt habe. Endlich bin ich wieder am Hinterrad von Marco Lietti und die Beine schmerzen ein erstes mal. Ich schaue nach hinten und kriege Moral. Ich bin der letzte Fahrer einer ca. 30 Mann starken Gruppe. Also jetzt ihr Batik Leute, jetzt könnt ihr fahren, möglichst schnell sogar, ich bin bereit. Sieben Batik Fahrer sind da inkl. Armin Meier im Schweizermeistertrikot, auch Toni Rominger und zwei Fahrer von Mapei. Es fehlen Festina, Once, Polti... Merde, die Gruppe wird nicht laufen, es fehlen wichtige Leute. Das Motorrad kommt, 25 Sekunden Vorsprung. Ohh, nicht schlecht, vielleicht läuft es doch, nein wir fahren zu wenig schnell, oder bin ich einfach gut?
Wir sind wieder eingeholt, Genua 100km sehe ich ein Wegweiser vorbeiflitzen, das gibt noch einen langen Tag. 225km all arrivo. Diese Tafel nimmt mir die ganze Moral. Nur nicht unterkriegen lassen, vorne am Feld fahren und doch möglichst keinen Wind abbekommen. Jetzt kommt die Ortschaft mit den vielen Kurven, jedes Jahr läuft hier eine kleine Gruppe. Ich sehe Eros Poli mit Maurizio Molinari angreifen, es gehen nochmals drei Fahrer mit. Soll ich auch? Nein, sie haben bei diesem Gegenwind sowieso keine Chance. Der Turchino Pass nähert sich, das erste richtige Gedränge des Tages geht los. Ich bin zu weit hinten und muss unbedingt nach vorne, Axel Merckx turnt vor mir herum, den muss ich unbedingt überholen, der verliert immer Positionen. Mit Risiko in die nächste Kurve und ich bin vorbei, eine Vollbremsung und ich verliere zwanzig Positionen! Nach drei Faststürzen kann ich endlich einen Sprint reissen und in den ersten zehn Unterschlupf finden. Die Verpflegungszone, Bidon fortwerfen, Verpflegungssack schnappen und wieder einen Sprint an die Spitze des Feldes. Die neuen Bidons und Brötchen einstecken, Sack fortwerfen und schon beginnen die letzen drei steileren Kilometer vor der Abfahrt. Ich lande Kurz im Strassengraben, aber ohne absteigen zu müssen, verliere aber dreissig Positionen und viel Kraft. Im Tunnel einen Sprint und ich steche ca. als 30 in die Abfahrt. Zu weit hinten, hoffentlich reisst es nicht. Und schon sehe ich, wie vor Pascal Chanteur ein Loch aufgeht, 15 Fahrer vorne die wild den Berg hinunterfahren, mit Museeuw, Jalabert........ Das ist gar nicht gut und ich kann hier hinten nichts machen. Evtl. ist die Gruppe aber zu gross um richtig zu laufen. Richtig, nach 5km auf der Fläche haben wir sie wieder eingeholt. Glück gehabt.
Der Kilometerzähler zeigt 200km an, die Beine schmerzen, obwohl wir nicht so schnell fahren, ich bin kaputt und kann mich nicht konzentrieren. Die Krise, die ich jedes Jahr hier habe. Ich lasse mich in die Mannschaftsauto zurückfallen und spreche ein wenig mit meinem alten Sportlichen Leiter Ferretti. Aber da hat es zuviel Wind, also wieder zurück ins Feld. Das ganze Rennen dauert 294 km, die Cipressa beginnt 25km vor dem Ziel, plus dreissig Kilometer um zu "Ellböglen" das heisst ich muss bei Kilometer 240 vorne am Feld sein. Aber diese Rechnung werden alle andern Fahrer auch machen, es hat aber keinen Platz für alle. Und schon beginnt’s, bremsen, beschleunigen, bremsen und so weiter. Alassio, Laigueglia und beim nächsten Capo muss ich unbedingt nach vorne, nach der Abfahrt kommt Imperia mit der schmalen Passage. Ich riskiere wieder einmal mein Leben und passiere Imperia an 20 Stelle, nicht schlecht. Der nächste Capo ist der schwerste, ich kann aber noch einige Positionen gewinnen, die es jetzt bis zur Cipressa zu verteidigen gibt. Pardon, Museeuw, aber ich kann nicht bremsen, nur weil du Weltmeister bist. Danach bin ich im Clinch mit zwei Fahrern von Aki, nur nicht nachgeben. Beim Jachthafen einen Kilometersprint und ich komme als 15 in die Cipressa. Bravo Rolf. Axel attackiert, da geh ich natürlich mit. Die Motorräder sind natürlich wieder einmal im Weg wie jedes Jahr. Du fährst stark Axel, da muss ich ja nicht führen. Von hinten sehe ich einen ONCE Fahrer aufschliessen, Jalabert? Da habe ich erst recht keinen Grund um Führungsarbeit zu leisten, schliesslich muss ich auf den letzen zwei etwas flacheren Kilometer auf einen Konter gefasst sein. Plötzlich fliegt Museeuw an mir vorbei, Jalabert geht mit, Bartoli..... das sind die Richtigen. Gut habe ich ein bisschen Kraft gespart, so kann ich aufschliessen. Merde, es sind wieder alle da. Ein Sprint auf den Bergpreis, um die Abfahrt in den vordersten Positionen zu beginnen. Wieder auf der Strasse entlang vom Meer habe ich kurz Zeit, mich zu orientieren. Wir sind noch ca. 40 Fahrer, mit Elli und Chanteur von meiner Mannschaft. Jetzt heisst es, vorne in den Poggo zu fahren. Ich spüre die Distanz in den Beinen und die Schmerzen. Fünfte Position, jetzt wäre es gut, wenn der Leuchtturm kommen würde. Wo bleibt dieser Turm? Ein Sprint am Turm vorbei und ich fahre doch nur als 20 in den Poggio. Puhh, und vorne attackieren sie sofort. Jetzt heisst es leiden und kämpfen. Ich gewinne nur wenige Positionen, bin aber immer noch dabei. Die Abfahrt mit Risiko und dann die letzten zwei Kilometer. Ich bin zu weit hinten aber es ist zu schnell, um nach vorne zu fahren. Ich muss meinen Sprint schon 800m vor dem Ziel lancieren, um noch einige Fahrer überholen zu können. Die Beine brennen und doch überhole ich nur wenige. Scheisse, heute wäre mehr dringelegen. Endlich die Linie, vielleicht 15 oder 16.

Lloret de Mar (E), 23.März 97
Ich denke, das Rennen gestern hat mir das Selbstvertrauen wieder gestärkt. Gestern wäre sicher mehr dringelegen, wenn ich an mich geglaubt hätte. Aber eben, nach anderthalb Jahren ohne Sieg bin ich nun wieder steigerungsfähig
Ich freue mich auf die erste Etappe der Setimana Catalana morgen. Ich bin sicher, dass ich ein gutes Resultat fahren kann.

Lloret de Mar 24.März 97
1.Et.Setimana Catalana
Meine Beine faulen fast ab, aber sie haben gute Arbeit geleistet. Es ist mir wirklich gut gelaufen. Beim erst Kategorie Berg 40km vor dem Ziel konnte ich sogar die Once Leute mit Zülle attackieren, leider hatte ich dann in der Abfahrt einen Platten. Und so bin ich erst 15km vor dem Ziel wieder ins Spitzenfeld zurückgekehrt, ziemlich weichgekocht! Im Sprint mache ich dann aber noch 7. oder 8. Irgendwann gewinne ich mal noch einen Massensprint!

Barcelona (E) 25.März 97
2.Et.Setimana Catalana
Schade war der Pass so weit vor dem Ziel. Sonst wäre ich evtl. Leader! Die ersten drei des Gesamtklassements waren abgehängt und ich als vierter noch dabei. Dafür habe ich weitere vier Sekunden an Bonifikationen geholt. Mir läuft es wirklich gut und die Moral steigt von Tag zu Tag. Morgen geht’s es nach Andorra, eine schwere Etappe. Aber ich werde es schaffen, hoffentlich!

Andorra, 26.März 97
3.Et. Setimana Catalana
Ein Massensprint in Andorra! Den ganzen Tag Gegenwind und alle Fahrer nur immer im Feld an den Rädern. Es war ein Sch.... Tag. Und morgen haben wir wieder Gegenwind, da kann man das Angreifen vergessen. Es wird wohl das Zeitfahren vom letzten Tag die Rundfahrt entscheiden. Immerhin, heute habe ich eine weiter Sekunde Bonifikation geholt, ob die sechs Sekunden, die ich bis jetzt auf Alex Zülle herausgefahren habe, wohl reichen?

Barcelona 27.März 97
4.Et.Setimana Catalana
Wieder ein Massensprint. Langsam wird es langweilig. Auf dem Berg waren wir noch 25 Fahrer, aber es waren noch 140km mit Gegenwind ins Ziel. Aber auch ich habe mich heute ein wenig geschont für das Zeitfahren morgen. 12km ständig auf und ab, wie werde ich da wohl abschneiden? Wir sind im Gesamtklassement immer noch 60 Fahrer innerhalb 13 Sekunden, es ist also noch alles möglich.

Flughafen Barcelona, 28.März 97
4 + 5.Et. Setimana Catalana
Hatte ich Gummibeine im Zeitfahren. Ich bin halt kein "Cronoman", aber das ich gleich so schlecht war, hatte ich eigentlich nicht gerechnet. Ich bin knapp in die ersten 40 gefahren. Und in der Morgenetappe habe ich mir den Sprint auch selber versaut. Das war nicht mein Tag heute. Wenn ich nur meine Form für die belgischen Rennen noch ein bisschen steigern könnte!
Alex hat übrigens zweiter gemacht, im Zeitfahren und im Gesamtklassement.

Deinze (B), 31.März 97
Nach dem Ostereiersuchen bin ich nun schon wieder in Belgien. Und ich glaube es kaum, strahlend blauer Himmel, keine Wolken. Dieses Jahr bin ich nun schon etwas über 20 Rennen gefahren, und noch nie habe ich eine Wolke gesehen, geschweige denn ein paar Regentropfen! Ich war sicher, dass diese Serie in Belgien mit Regen und Wind sicher zu Ende gehen wird. Aber es wird wohl nichts damit. Die Ostereier habe ich übrigens vom Bett aus gesucht, mit Fieber, Kopfweh und so. Vielleicht erklärt das die schlechte Leistung von meinem Zeitfahren. Aber etwas Gutes hatte es auch, mir war so mies, dass ich keinen einzigen Osterhasen gegessen habe! Nun werde ich die Drei Tage von De Panne etwas ruhiger angehen, um dann am nächsten Sonntag an der Flandernrundfahrt wieder bei vollen Kräften zu sein.

Deinze, 1.April 97
1.Et. De Panne
Jetzt spinnen sie total. Heute sind 50 Fahrer mit 12 Minuten Vorsprung im Ziel eingetroffen. (Ich war hinten), Aber nun hat die UCI ab sofort ein neues Reglement eingeführt. Wenn wir weniger als 38km/h als Durchschnitt fahren gibt es kein Preisgeld und keine FICP-Punkte! Ich glaube, so hänge ich das Velo sofort an den Nagel!

Koksijde, 2.April 97
2.Et. De Panne
Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Morgen werde ich nicht zu den letzten beiden Etappen starten. Statt am Morgen 80km Strassenrennen und am Nachmittag 16km Zeitfahren, werde ich mich mit dem Velo Richtung Strecke der Flandernrundfahrt aufmachen und dann die letzten 140km darauf zurücklegen. Tagespensum 240km!

Deinze, 3.April 97
Die Flandernrundfahrt ist im Training noch schwerer wie im Rennen! Über diese Pavées habe ich heute gelitten und geflucht, ganz alleine, aber je langsamer man fährt, um so schwerer werden sie. Und im Training habe ich keine grosse Moral, mich bis auf die Haut zu schinden. Und dieser belgische Wind, kein anderer Fahrer konnte mir heute Windschatten geben. Aber nach 7Std. 15 Min bin ich total auf den Felgen im Hotel angekommen, aber sehr zufrieden. Jetzt kann (muss) ich die nächsten zwei Tage nur noch erholen und essen. (und die Schuhe wieder putzten)

Deinze, 4.April 97
Ich geniesse den mehr oder weniger freien Tag vor dem Komputer. Ich muss ihn endlich mal richtig konfigurieren und einige neue Programme installieren. Am Nachmittag werde ich mit dem Velo in das Städtchen fahren und ein wenig einkaufen gehen, oder endlich wieder einmal etwas Süsses essen, einen feinen Nussgipfel oder so.

Deinze, 5.April 97
Ich bin gespannt, ob unsere Mannschaft morgen früh zur Blutkontrolle antreten muss. Bis jetzt sind wir noch nie kontrolliert worden, es wird also Zeit. Ich bin für diese Kontrollen von uns Fahrern, allerdings finde ich es schon komisch, dass der Hämatokritgrenzwert bei uns bei 50 liegen soll, und bei jedem "Normalbürger" liegen die Normalwerte zwischen 40 und 53! Aber einverstanden, etwas müssen sie gegen den Gebrauch des "Wunderdings" EPO unternehmen.

Deinze 6.April 97
Flandernrundfahrt
Hier auf dem Grossen Marktplatz in St.Niklaas fühle ich mich schon fast als Einheimischer. Ich habe fast mehr Fans hier in Belgien wie in der Schweiz. Es ist ziemlich kalt, aber blauer Himmel, das gibt keine echte Flandernrundfahrt, sagen die Flamen. Es fehlt der Regen, dafür hat es sehr viel Wind.
Der Startschuss fällt, und oh Wunder, es wird nicht attackiert. Wo bleiben all die Fahrer von den kleinen Belgischen Mannschaften? Und schon sind sie hier, hundert Meter vor dem Feld das sich sofort in die Länge zieht. Bum-bum, bum-bum, ewig diese Betonstrassen in diesem Land. Eine Attacke folgt der Andern, bis, ich staune, ich mich in einer 20 Mann starken Gruppe wieder finde, die 20 Sekunden Vorsprung auf das Feld hat. Von meiner Equipe ist noch Lauri Aus mit, der super für mich fährt. Ich mache keinen Tramp zuviel. Bei Km 40 sind wir wieder eingeholt, aber es bleibt schnell. Bis jetzt haben wir 48.5 km/h Durchschnitt. Sehr gut, so erwische ich mein Flugzeug heute Abend sicher noch. Aber meine Beine fühlen sich sehr komisch an, keine Schmerzen und dafür auch keine Kraft, aber ich komme ohne die geringste Mühe mit. Km 71, das erste Pavéestück, nichts schlimmes und auch nichts entscheidendes, ich fahre Mitte im Feld und weiss, dass ganz links 40cm Asphaltiert sind. Natürlich nehme ich das Geschüttel nicht freiwillig auf mich und fahre links. Die Verpflegung kommt, von jetzt geht es in die Keilerei. Bum-bum, bum-bum, das schon den ganzen Tag. Ich komme vorne in das erste richtige Pavéestück, sehr gut, jetzt sind die nächsten 40km kein Problem, es hat kein Platz um zu überholen. Die Kasseien (Pavée) von Mater, 3km lang, leicht steigend und verdammt hart. Am Ende sind wir noch 6 Fahrer, der Rest 200m hinter uns. Ich staune, auch Alex Zülle ist mit. Wir werden wieder eingeholt, aber die Moral steigt. Molenberg, was ist mit meinen Beinen los? Ich kann keine Position gewinnen aber sie schmerzen sehr stark. Kein gutes Zeichen. Vorne sind 10 Fahrer weg, mit Museeuw und Bartoli. Da ich aber weiss, dass die nächsten 30 km keine Schwierigkeiten beinhalten, bleibe ich ruhig. Wir sind schätzungsweise noch 100 Fahrer, es wird wieder attackiert und sehr schnell gefahren. Ich kann immer in den ersten 20 bleiben, aber die Beine schmerzen immer mehr, und es sind noch 120km. Kurz vor dem Kluisberg finde ich in einer 10 Mann Gruppe Unterschlupf, bin aber fix und fertig. Am Bergpreis werden wir wieder eingeholt, wenn ich nur noch die nächsten Berge auch vorne bleiben kann! Der Knokkerberg, zum Glück fahren sie die 2 m breite Strasse schön langsam hoch. So komme ich wenigsten einigermassen mit. Jetzt die breite Autostrasse runter Richtung Oude Kwaremont, wo das Rennen normalerweise beginnt. Ich weiss nicht wie ich das gemacht habe, aber ich kann die entscheidende Kurve an 25 Position nehmen, bravo. Allerdings total fertig. Diese Kasseien, trrrrrrr trrrrrr am Schluss aber nur noch trr trr. Vor mich gibt es ein Loch, ich kann es aber nicht mehr schliessen. Wir sind drei Fahrer hinter der ca. 20 Mann starken Spitzengruppe. 200m, aber sie bedeuten Welten. auf dem Patersberg finde ich mich mit zwei Mapei und Telecom Fahrer wieder. Wir spielen gut zusammen, vielleicht kommen wir wieder nach vorne? Ich habe mich erholt, und fühle mich eigentlich wieder ganz gut. War wohl nichts, von hinten schliessen wieder Fahrer auf und vor der Muur von Geraardsbergen sind wir wieder 60 Fahrer, die Spitze wohl drei Minuten vor uns. Ich klemme mich ins Füdli und leide die Muur und nachher den Bosberg hoch. Wir sind noch ca. 15 Fahrer und fahren die letzten 10 km voll. Es geht noch um Weltcuppunkte. Vorne sind schätzungsweise 15-20 Fahrer und die ersten 25 kriegen Punkte. Im Sprint versauere ich total und mach nur etwa zehnter. Keine Weltcuppunkte aber viel schmerzen.
Jetzt beginnt das Rennen auf den Flughafen, ich erwische das Flugzeug ohne zu Duschen. Ich stinke halt ein bisschen, total kaputt aber ein bisschen zufrieden.

Zihlschlacht, 11.April 97
Endlich bin ich halbwegs Erholt von der Flandernrundfahrt. Ich war wohl selten so kaputt nach einem Rennen. Aber das gibt mir wenigstens die Gewissheit, alles für einen Erfolg unternommen zu haben. Leider erwischte ich nicht gerade einen guten Tag. Aber ich hoffe natürlich jetzt auf die nächsten Rennen.

Compiègne (F), 12.April 97
Paris-Roubaix morgen macht mich noch gar nicht an. Ich bin es nun schon sechs mal gefahren und doch nur einmal bis ins Ziel gekommen. Ich habe wenig Hoffnung, dass ich morgen bis Roubaix komme. Ist aber auch nicht weiter schlimm (für mich; für unsere Franzosen ist es das Rennen). Vielleicht finde ich in der Anfangsphase in einer Gruppe Unterschlupf, und dann wer weiss?
Auf alle Fälle, meine Tasche mit den warmen Kleidern wartet an der ersten Verpflegung, und an der zweiten. Ich werde morgen übrigens mit einem ganz normalen Stahlvelo an den Start gehen, keine Federgabel, keine dicken Reifen, aber ich weiss, am Montag werde ich mit Handschmerzen dafür bezahlen, ob ich fertig fahre oder nicht.

Compiègne (F), 13.April 97
Paris-Roubaix
Am Klopfen von Dirk, unserm Masseur, ist es schon 7 Uhr. Aufstehen, anziehen und ab zum Frühstück! Ich esse drei Gipfel, Brot und eine Portion Fruchtsalat. Die Spaghetti, die es noch gibt, kann ich um diese Zeit noch nicht essen. Zurück im Zimmer, packe ich sofort den Koffer, räume meinen Komputer und die Zeitschriften weg, und lege mich aufs Bett. Zum Glück habe ich meine Rennsachen gestern schon bereit gelegt, auch der Regensack mit all dem Schlechtwetterzeug ist schon bereit. So habe ich noch fast eine Stunde Zeit, bis wir um neun von hier wegfahren. Ich studiere nochmals den Streckenplan, 98km bis zum ersten Pavéestück, 115km die erste Verpflegung, 155km der Wald von Arenberg, ein sehr entscheidendes Stück, 206km die zweite Verpflegung. Weiter schaue ich nicht, wenn ich da noch dabei bin, komme ich auch so noch ins Ziel.
Wir fahren mit dem Velo an den Start, es sind nur vier Kilometer. Der Startplatz in Compiègne ist schon mit Pflastersteinen und vielen Leuten besetzt. Ich setzte meine Unterschrift auf das Startprotokoll und mache mich auf den Weg, unsere Mannschaftsauto zu suchen. Dort werde ich auch schon von Susi Schär vom Timeout empfangen. Sie machen irgend einen Bericht für die Tour de France. So will das Filmteam allerhand von mir wissen. Natürlich gebe ich mir da Mühe, ich will ja auch ein bisschen telegen wirken. Und Susi habe ich ja auch schon lange nicht mehr gesehen. Danach schnappe ich mir meinen Verpflegungssack und packe vier kleine Schinkenbrötchen und zwei Mandeltörtchen ein. Der Rest, die Energiebarren, lasse ich zurück. Dann lasse ich mir von Dirk noch zwei Teebidon geben und so bin ich dann bereit. Die letzten zwanzig Minuten vor dem Start gehe ich noch auf die "Leutsch" und spreche noch mit allerhand Leuten, Journalisten, Kollegen, Betreuer von andern Mannschaften. Komisch, ich bin gar nicht nervös, ein schlechtes Zeichen.

Es ist kalt, als der Startschuss fällt. Ich fahre mit langen Handschuhen, Armstulpen und einem zweiten Trikot dem offiziellen Start entgegen.
Wie soll ich dieses Rennen eigentlich ohne grosse Moral taktisch fahren? Am Besten versuche ich auf den ersten 70km in den ersten Positionen vorne am Feld zu fahren, vielleicht läuft ja eine gute Gruppe? Und bei diesem Rennen habe ich mit dieser Moral nur so eine Chance, bis nach Rubaix zu kommen oder gar ein Resultat herauszufahren. Und es ist wie immer, nach nicht mal zwei Kilometer erfolgen die ersten Attacken. Ich mogle mich langsam aber sicher nach vorne. Was wollen denn die alle, bei diesem Gegenwind? Jeder fährt jedem nach, niemand kommt auch nur 50m weg. Aber so richtig greift auch keiner an, alles nur halbpatzige Versuche. Meine ehemalige Mannschaft MG will anscheinend unbedingt eine Gruppe machen, aber Santaromita ist bei bestem Willen nicht der Fahrer, der mit einem starken Antritt das erreichen könnte. Lass es sein, Mauro, es ist zwecklos. Aber warte mal, ich zeige Dir, wie man das macht, ich muss nur noch den richtigen Moment abwarten. Endlich die kleine Steigung, auf die ich gewartet habe. Felice Puttini greift an, das Feld zieht sich in die Länge, ohne dass er wegkommt. Theoretisch sollte man jetzt mit einem starken Konter wegkommen. 13rein und ein Sprint. Nach zweihundert Meter weiss ich, dass kein Fahrer direkt an meinem Rad ist, nach weiteren zweihundert schaue ich das erste Mal zurück. Siehst Du Mauro, so fährt man 200m Vorsprung heraus. So, noch einen Kilometer voll fahren und dann werde ich mich orientieren, was ich machen soll. Ich sehe, dass hinten weitere Attacken lanciert werden und eine Jagd im Gange ist. Also nochmals einen Kilometer voll. Ein Motorrad kommt, 20 Sekunden Vorsprung. Scheiss Gegenwind, aber das habe ich mir ja selber eingebrockt. 40, 55 Sekunden, eine Minute, Mensch, die lassen mich nicht fahren, Gegenwind und kilometerlange gerade Strassenstücke. 20km bin ich nun schon gefahren, 45 Sekunden Vorsprung. Da mache ich mich ja lächerlich, so etwas Hirnverrücktes zerstört ja meinen guten Ruf bei den Rennfahrern. Noch 20 Sekunden, ist wohl besser so, ich esse ein kleines Schinkenbrötchen und schalte einen Gang zurück. 2km später immer noch 20 Sekunden. Wer nicht will, hat gehabt! Einen Gang grösser und beschleunigen. Ein gutes Zeichen, der neutrale Materialwagen wartet und fährt hinter mir her, das heisst, ich habe über eine Minute Vorsprung. Das Motorrad kommt, 2 Min 30. Auf den endlosen Geraden sehe ich das breite Feld hinter mir, sie fahren also noch langsam. Es sind noch 210km mit Gegenwind, scheiss Rennen. Ich habe meinen Pulsmesser wegen den Kopfsteinpflaster nicht mit, aber ich schätze, dass ich so mit 150 Schlägen pro Minute fahre. So halte ich es die nächste Zeit noch gut aus. Der Vorsprung pendelt sich bei dreieinhalb Minuten ein. Viel zuwenig, vor den ersten Pavées muss ich mindesten 5 Minuten haben, besser 15! Das Motorrad, 1.30 auf zwei Fahrer, 3.40 aufs Feld. Was sind das wohl für zwei Fahrer? Sehr gut, jetzt kann ich auf diese zwei warten und dann sind wir zu dritt bei diesem Wind. Ein Gan und ein Asics-Fahrer schliessen auf. Jetzt könnt ihr ein bisschen fahren, ich ruhe mich an euren Hinterrädern ein wenig aus. So ist es schön, ich merke, dass ich eigentlich noch gar nicht kaputt bin, führe aber trotzdem nicht, schliesslich bin ich 50km alleine in den Gegenwind gefahren. Nach zehn Kilometer harmonieren wir zu dritt recht gut, Vorsprung 5 Min. Ist das friedlich, im Feld hinten ist jetzt die grosse Keilerei für die besten Positionen im Gange, und wir fahren einfach so auf das erste Stück. Keine Bremserei, keine Sturzgefahr, nichts! C'est meilleur ici, que en groupe, n'est-ce-pas?
Es holpert und staubt stark auf dem ersten Stück. Das Motorrad mit der Fernsehkamera wirbelt vor uns allen Staub auf. Zeitweise sehen wir nicht mal die Steine! Ich fahre auf den Pavées meistens in erster Position, da kann ich meinen eigenen Weg durch die Schlaglöcher suchen. Meistens fahre ich rechts oder links der Strässchen im Sand und Kies, da geht es mit viel weniger Kraftaufwand. Es ist zwar gefährlicher und auch das Defektrisiko ist grösser, aber wir können uns das leisten. Schliesslich müssten wir bei einem Platten nicht auf ein Rad warten, unsere Mannschaftswagen sind direkt hinter uns, der grosse Vorteil einer Spitzengruppe!
Bei der ersten Verpflegung haben wir noch 3 Minuten Vorsprung. Viel zu wenig, aber wenn wir es nur noch bis zum Wald von Arenberg schaffen würden, aber es sind noch 40km. Ich weiss, dass mein Paris-Rubaix fertig ist, 3 Minuten Vorsprung und noch 140km bis zum Ziel, das reicht nicht mal zum fertigfahren. Wir wissen alle drei ohne etwas zu sprechen, dass wir nun voll fahren müssen um noch bis zum Wald zu kommen. Dort weiss ich auch, dass dieses Stück direkt im Fernsehen auf sehr vielen Kanälen kommt, viele Fotografen, viele Zuschauer, einfach das prestigvollste Stück bei diesem Rennen. Die letzten 10km vor dem Wald haben wir nur noch 40 Sekunden Vorsprung, wir fahren nur noch zu zweit, der Italiener ist total kaputt. Endlich das letzte gerade Stück, dann die Einfahrt zum Wald. Normalerweise die einzige Stelle von allen Rennen, an der ich Angst habe, mit 60km/h im Gedränge auf die schlechtesten Pavées des ganzen Nordens. Heute aber, alles ganz friedlich, nur das Gedröhn des Fernsehhubschraubers und das riesige Geschrei der Zuschauer! Und dann das Geschüttel, ich sehe nicht mal die Steine, den Lenker spüre ich schon gar nicht mehr in den Händen. Oh Schock, links und rechts haben die Organisatoren Zäune aufgestellt, so können wir nicht links in der Wiese fahren, die werden uns doch nicht die ganzen 4 km auf diesen Steinen fahren lassen? Sadisten! Aber bei der ganzen Leiderei, ein gutes Gefühl als erster auf den Pavées von Arenberg in all den Zuschauern zu fahren. Vorbei an der ersten festen Kamera, ich hüpfe nur noch von einem Schlagloch zum andern. Plötzlich fliegt Jacky Durand an mir vorbei, an seinem Rad weitere 10 Fahrer, dann wieder nichts mehr. Allez Jacky, allez! Ich komme kaum mehr vom Fleck, so ziemlich alle Fahrer, die noch im Rennen sind, fahren noch auf den Pavées an mir vorbei. Ich versuche gar nicht erst, in einer Gruppe Unterschlupf zu finden. Wieder auf dem Asphalt halte ich nur noch nach einem Mannschaftsauto Ausschau, das mich bis an die zweite Verpflegung mitnimmt.
Adieu Paris-Rubaix!
Ich springe von einem Pflasterstein zum andern, ganz alleine, weit und breit weder ein Fahrer noch ein Mannschaftsauto, wo ich endlich einsteigen könnte. Plötzlich sehe ich Dominiqe Bozzi mit einem Platten reifen mitten in den Zuschauern stehen. Ich halte bei ihm, schliesslich sind wir zwei Mannschaftskollegen. Wir begrüssen uns, da wir uns das ganze Rennen nie gesehen haben. Dann müssen wir lachen, totkaputt und mit schwarzen Köpfen. Wir sehen wie Mineure aus, oder noch schlimmer. Wir sprechen mit den Zuschauern und warten auf irgend ein Auto, das uns die letzten 80km nach Rubaix mitnimmt. Aber ausser einer französischen Radiojournalistin, die saudumme Fragen stellt, läuft nichts. "Wie heissen Sie, Nummer 126?" "Eddy Merckx, wieso?" "Und jetzt seid ihr müde?" "Ein bisschen, wir machen hier nur eine kleine Pause, danach fahren wir weiter" "Hattet ihr noch keine Defekte?" "Einen Links und den andern Rechts" "Ihr seid Franzosen?" Dominiqe: "Nein, ich bin Korse" "Aber das liegt doch in Frankreich!" "Ja, aber ich bin Korse" Die Zuschauer rundherum müssen laut lachen, bis das Radio wieder abzieht. Endlich kommt der Besenwagen, wir müssen die Velos hineinwürgen, dass wir noch Platz finden. Im Auto sind die Pavées gar nicht so schlimm. Wir lesen noch Sven Teutenberg und andere drei Fahrer auf. Endlich sind wir bei der zweiten Verpflegung, wo wir aussteigen und in unsere angestammten Mannschaftswagen umsteigen können, die zum Glück noch gewartet haben. Unser Auto ist beinahe schon voll. Chanteur und Aus sind schon umgezogen. Auf dem Weg ans Ziel verfahren wir uns auch noch und wir treffen nur etwa 10Minuten vor den ersten Fahrern dort ein. Meine Augen brennen stark und den ganzen Staub bringe ich nicht heraus. Die Hände sind noch schwarz, ebenso der Kopf und die Beine, eigentlich alles. Aber ich staune, sonst geht es mir eigentlich ganz gut, keine Schmerzen in den Händen, nichts.
Ich stehe in den Duschen, die von einem KZ stammen könnten, und hoffe eigentlich nur, dass wir noch warmes Wasser haben. Welch ein Glück, sogar noch heiss, das ist der einzige Vorteil den man hat, wenn man aufgibt!
Schon treffen die ersten Fahrer und Mannschaftsauto vom Rennen ein. Unser Sponsor, der mit unserem Sportlichen Leiter mitfuhr, steuert sofort auf mich zu und gratuliert mir zu meinem Rennen. Er freut sich sehr, dass ich hier in Frankreich über eine Stunde live am Fernsehen zu sehen war. Soll mir recht sein, wenn er sehr zufrieden mit mir ist. Es steht noch eine stündige Autofahrt an, bis ich endlich um 19 Uhr im Hotel in Deinze eintreffe. Das ich keine Schmerzen habe, war wohl eine Fata Morgana, die Beine und den Rücken spüre ich stark, die Augen sind entzündet und die Ohren immer noch schwarz. Das war garantiert mein letztes Paris-Rubaix!

Deinze (B), 14.April 97
Meine Moral ist am Boden. Ich habe das Trainieren auf der ewigen Fläche hier satt, das Hotel ist auch nicht das Beste. Ich bin froh, wenn ich morgen endlich in die Gegend von Lüttich wechseln kann, in die belgischen Ardennen mit den Steigungen.

Lüttich (B), 15.April 97
Wenn ich in Belgien leben würde, wäre ich sicher nicht Radrennfahrer geworden! Schlechte Strassen, unvernünftige Autofahrer, viel Wind. Ich habe heute die 100km zwischen Brüssel und Lüttich mit dem Velo zurückgelegt, nur holprige Betonstrassen und dann die Autofahrer! Sie nehmen überhaupt keine Rücksicht, gefährlich, gefährlich. Da bin ich mit den Schweizer Autofahrern noch zufrieden, aber die Besten sind eindeutig die Amerikaner. Die können kilometerlang hinter einem herfahren, bis sie endlich mit grossem seitlichen Abstand überholen können. Ohne zu murren, ohne zu hupen. Übrigens, morgen fahre ich die Flêche Wallone schon mit mehr Moral, da wir ein super Hotel haben. Vielleicht kann ich mich morgen mit einem ersten Resultat wieder melden!

Lüttich, 16.April 97
Flêche Wallone
Langsam ist es zum Haare ausraufen! Jetzt habe ich es langsam satt, in einer Gruppe steckend wieder vom ganzen Feld eingeholt zu werden. Bei Lüttich-Bastogne-Lüttich bleibe ich den ganzen Tag im Feld! Aber Moral hat es eigentlich doch gegeben, nach dem ersten Mal der Muur von Huy sind wir weggefahren. Mir ist es recht gut gelaufen, auch wenn ich in dieser überhängenden Steigung 39/23 würgen musste. Und wir sind erst 30km vor dem Ziel wieder eingeholt worden, langsam aber sicher komme ich dem Ziel immer näher. Soll ich es in Lüttich nochmals probieren, vielleicht reicht’s ja doch?

Lüttich, 17.April 97
Beim Training heuten morgen haben wir den St.Pietersberg in Maastrich passiert. Das tat für meinen Kopf richtig gut, da kamen die Erinnerungen an meinen Spurtsieg gegen Gianni Bugno beim Amstel Gold Race wieder hoch. Ich freue mich schon jetzt auf dieses Rennen vom übernächsten Sonntag. Aber zuerst steht die Ardennenclassic hier an, die wir morgen abfahren werden, wenigstens einen Teil davon. Das Gefühl in den Beinen war gut heute, hoffentlich hält das nun ein bisschen an.

Lüttich, 18.April 97
Lüttich-Bastogne-Lüttich ist eines der schwersten Rennen die es gibt! Das wurde mir heute wieder einmal bestätigt, wir fuhren die letzten 120km mit dem Velo, nur auf und ab, keinen flachen Meter. Und die Steigungen: Stockau schmal und steil, Haut Levée breit und steil, La Redoute steil und sehr steil, usw. Eine erste Vorentscheidung wird wohl in der Gegend von Stockau fallen, und an der Redoute werden die besten "Gangwürger" (39/23) vorne sein. Danach sind es dann nur noch etwa 20km bis ins Ziel. Übrigens, es waren schon heute Zuschauer auf der Strecke, die sich die besten Plätze gesichert haben.

Lüttich, 19.April 97
8Uhr aufstehen, 10Uhr zweieinhalb Stunden Training, 13Uhr essen, 14.30Uhr Mannschaftsvorstellung, 17Uhr Massage, 19.30Uhr Abendessen. Dazwischen fernsehen, ein bisschen Komputer. Das war mein Tag heute, sehr langweilig, aber sehr typisch. Und da findet jemand, wir hätten ein interessantes Leben. Eigentlich wäre ich gerne wieder einmal für längere Zeit zu Hause, da hätte ich noch viel zu erledigen. Aber jetzt halte ich noch bis zum 1.Mai am Henningerturm in Frankfurt durch und dann ab in die Ferien (mit Familie).
Seit dem 1. Januar 10'488 km, 32 Renntage und 70 mal in einem Hotel geschlafen.

Lüttich (B), 20.April 97
Lüttich-Bastogne-Lüttich
Warm eingepackt rolle ich im hinteren Teil des Feldes vom Start weg. Schon sehe ich wie ein Fahrer von uns angreift. Mich packt die Wut, gestern an der Mannschaftssitzung habe ich ausdrücklich jedem Fahrer gesagt, falls er etwas spezielles vor hat, soll er es sagen, dass es die Kollegen auch wissen. Ich habe nichts gegen einen schnellen Start, aber bitte, wenn ich vorne bin. Natürlich ist dann aber Marc Streel nicht dabei, als Georg Totschnig das Weite sucht. Was für Fahrer haben wir eigentlich hier! Wenn einer von den Jungen nur schon ins Ziel kommt, ist es ein Wunder. Allerdings muss auch ich mich gewaltig anstrengen, denn die Strecke ist wirklich hart. Fast 5000 Höhenmeter auf 263km. Ich rolle im hinteren Teil des Feldes, den Kopf auf keinen Fall in dem Wind, möglichst Kraft sparen, solange es geht. Ich suche Gianni Bugno, um einen Schwatz abzuhalten. Es ist das erste Rennen dieses Jahr, dass wir gleichzeitig fahren. Er ist wie immer, und jammert über seine Beine. Ich übrigens auch, aber das gehört dazu.
Es beginnt leicht zu schneien, als wir die 50km Tafel passieren, Georg hat inzwischen 12 Minuten Vorsprung, aber es werden sicher auch 20 Minuten nicht reichen, und das Feld fährt immer noch sehr gemächlich. Erster Berg, erste Verpflegung, es läuft überhaupt nichts. Alle wissen, dass das Rennen erst an der Côte de Wanne beginnt.
Bei Km 135 beginne ich mich langsam aber sicher nach vorne zu schummeln. Die letzten 10km vor Vielsam ist das Gedränge und Gedrücke grösser als normal, die Fahrer sind alle noch frisch und wollen vorne die erste Kurve unten am Berg nehmen. Als erster biegt, man staune, ich in die Côte de Wanne. Rolf, das hast du wieder einmal sehr gut gemacht, ich kann die Kurve so mit 55km/h voll durchziehen, und ich weiss aus Erfahrung, ab der 40 Position wird’s noch 20km/h sein. Viel Kraft gespart, trotzdem verliere ich auf den 4km Steigung etliche Positionen, was aber nicht schlimm ist. Nach der Abfahrt hat man nochmals 5km Zeit, bis zur Spitzkehre vor der Côte des Hézalles, der ersten wirklich steilen und schmalen Rampe. An zehnter Position um die Kurve, 23 rein und raufwürgen, am Hinterrad von Laurent Jalabert! Nach einem Kilometer die Abfahrt und rein in die Côte de d'Aisomont, ca. 6km lang, dafür nicht so steil. Aber alle wissen, dass man da vorne in die Abfahrt reinstechen muss, darum gibt es da im Aufstieg schon ein Gedränge. Vorne in die Abfahrt und vorne in die Côte de Stockeu, wieder ein Gewürge mit dem 23, Abfahrt und in den Haute-Levée, das Gedränge, dünkt mich, hat aber merklich abgegeben. Vorne attackieren sie, ich bleibe aber in meiner Position, zuviel Gegenwind! Auf dem folgenden kleinen Flachstück sehe ich, dass wir nur noch etwa 70 Fahrer sind, von uns sind nur noch die drei alten Italiener und der alte Schweizer dabei, die Jungen hat es anscheinend schon gelupft. Die Côte de Rossier wird sehr schnell hochgefahren, ich bin etwas weit hinten und muss kämpfen und leiden. Wir hängen einiger Fahrer ab, darunter auch leider Marco Saligari von uns. Ich komme am letzten Zwack noch mit, irgendwie sollte ich mich jetzt ein bisschen erholen, nur wie? Die zweite Verpflegung, ich schnappe mir den Sack und würge sofort ein Extran runter, vielleicht hilft’s. Irgendwie muss ich noch über den nächsten Berg kommen, dann bin ich bis zur Redoute gerettet. Irgendwie schaffe ich es, beginne dann aber diesen scheiss Berg zu weit hinten, was aber an meinen Beinen liegt. Über die ersten zwei Rampen komme ich gerade noch so mit, an der letzten ist es dann aber geschehen, wieder einmal mit dem 23 Ritzel würge ich 10m hinter den anderen darüber, kann dann aber auf dem folgenden Flachstück nicht genug beschleunigen. Merde, ich bin noch der dritte Fahrer von Casino, jetzt muss ich die letzten 35km noch voll fahren, wegen dem Weltcup - Mannschaftsklassement. Beim Nächsten Berg bin ich gerade mal 30m hinter dem letzten Auto, wenn ich das einholen könnte, käme ich im Windschatten wieder an die grosse Gruppe vor mir heran. Beim Bergpreis an der Côte des Forges sind es dann aber schon 200m und in der geraden Abfahrt mit Gegenwind entschwindet dann alles aus meinem Blickfeld. Noch 22km ganz alleine in den Wind und völlig kaputt. Am letzten Berg werde ich dann noch von meinen ehemaligen Mannschaftskollegen Fabio Baldato und Roberto Pistore mit je zwei Once und Gan Fahrer eingeholt. Ebenfalls ist der Deutsche Meister Christian Henn dabei, der wie ein verrückter fährt. Auch hier muss ich noch kämpfen. Beim Schlussaufstieg Richtung Ziel muss ich an meinen Schlusssprint denken, den ich als dritter der Mannschaft noch machen sollte. Aber erstens hänge ich in den Seilen und zweitens mache ich mich ja lächerlich, um den 50Rang zu sprinten. Fabio kommt zu mir und lacht. " Devi fare la volata, eh?" "Wenn ich noch kann, sollte ich." An der Ziellinie kann ich mich noch irgendwie an den andern Fahrern vorbeischmuggeln. Völlig auf dem Hund bin ich wenigstens fertiggefahren.

Mers-les-Bains (F), 22.April 97
Côte Picarde
Endlich habe ich wieder einmal ein klitzelkleines Resultat erreicht. Im Sprint einer 30Mann starken Gruppe fuhr ich hinter dem Gewinner Abdoujaparov den fünften Rang heraus. Ich bin recht zufrieden, wenn nicht alles ganz und gar flach gewesen wäre.... Na klar, diese Rennen um den Coup de France haben schon nicht das Niveau grosser Rennen, aber für die Moral sind sie noch allemal gut. Übermorgen fahre ich dann noch den GP de Denain, halt wieder alles flach, aber wir werden sehen.

Valencienne (F), 23.April 97
Ich bin wieder einmal im Norden Frankreichs, zwischen all den Pavèes von Rubaix. Sehr trostlos zum trainieren, aber zum Glück haben wir morgen wieder ein Rennen.
So hatt ich Zeit, mich meinem Komputer zu widmen. Dabei kam ich auf die glorreiche Idee, all meine Tagebucheinträge zusammenzutragen, was allerdings sehr schnell geschehen war. Ich habe nur noch die, die ich heute vom Internet herunterladen konnte. Falls jemand so verrückt war, ältere Einträge als vom 23.Februar 97 zu speichern, wäre ich froh, wenn ich sie bekommen könnte.
Danke.
Übrigens habe ich heute endlich meine Autogrammkarten erhalten, sobald ich zu Hause Zeit finde, werde ich die eingegangenen Wünsche erledigen.

Denain (F), 24.April 97
GP Denain
Wenn mir vor dem Start jemand gesagt hätte, dass ich auch heute fünfter mache, wäre ich zufrieden gewesen, schliesslich ist dieses Rennen eine Nummer grösser als vorgestern. Wenn ich allerdings in einer Fünfergruppe im Sprint letzter mache, bin ich ganz und gar nicht zufrieden. Aber mit meinen schlechten Beinen heute nur schon in der Spitze ins Ziel zu kommen, ist ein Wunder (oder Klasse meinerseits?).

Lüttich (B), 25.April 97
Ich habe ganze drei Kilometer trainiert heute. Ich war noch total kaputt von gestern. Nun geht es aber wieder besser. Und eigentlich bin ich für morgen wieder ganz zuversichtlich. Vielleicht gelingt mir ja wieder etwas ähnliches wie vor vier Jahren hier?
Morgen sollte ich beim Amstel Gold Race den ganzen Tag in den ersten zwanzig Positionen fahren. Den ganzen Tag links, rauf, rechts, runter, bei ganz schmalen Strässchen, nur die letzten 40km sind etwas ruhiger. Wahrscheinlich werden 60 Fahrer in den Schlusssprint kommen, und da werde ich einen Spurthinlegen...!

Maastrich (NL), 26.April 97
Amstel Gold Race
Es wird sehr schnell gestartet. Aber ich bin darauf vorbereitet. Jacky Durand hat mir versprochen, dass er gleich nach dem Start attackieren werde. Aber es sind die Fahrer von Palmans, die um jeden Preis flüchten wollen. Das Feld ist immer im Faden, um Verkehrsinseln, Ampelanlagen, Radwege, ein Slalom, wie das halt in Holland so ist. Die ersten 30km legen wir in 40 Minuten zurück. "Super so, so erwischen wir das Flugzeug heute Abend sicher noch!" höre ich Alex Zülle neben mir. "Du vielleicht, aber ich fliege um 8 Uhr 20 von Paris, da müssen sie schon die nächsten drei Stunden auch noch schnell fahren."
Die Kilometer fliegen nur so an mir vorbei, nach 70km kehrt das erste mal etwas Ruhe ein. Nur nicht täuschen lassen, und von jetzt an vorne fahren, die breiten Strassen sind bald vorbei, und dann wird das Rennen an der ersten Verpflegung bei 105km losgehen. Vermute ich wenigstens, seit ich das letzte mal vor drei Jahren gefahren bin, haben sie die Strecke etwas geändert. Und schon stechen wir für mich völlig überraschend in eine schmale Steigung. Ich bin vorne, dussel gehabt! Das Strässchen bleibt sehr schmal, ich bin aber ganz vorne mit fünf Fahrern von Rabobank. Die haben etwas vor! Kaum gedacht, geht es los, sie fahren wie verrückt, das Feld zieht sich sehr, sehr in die Länge. Bremsen, spitzwinklige Kurve, antreten, und dann kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, ich sehe das ganze Feld wie an einer 600m langen Perlenschnur auseinandergezogen, ich in den ersten 10 Positionen. Die da hinten werden gewaltige Beinschmerzen nach dieser Kurve haben. Aber nach einigen Kilometern ist der Spuk vorbei, alles wieder zusammen.
Aber von jetzt an gilt nur noch eines, unbedingt vorne fahren. Das wissen aber alle Fahrer, und so drängeln wir auch an der Verpflegung, dem ersten, zweiten, dritten, vierten Berg. Irgendwie kann ich meine Position relativ leicht halten und bin auch ganz vorne, als wir die Steigung zum Dreiländerpunkt in Angriff nehmen. Der höchste Punkt Hollands mit, glaube ich, 380m.ü.M. Danach folgen wieder kurze, steile Rampen, aber ich kenne sie noch alle. Nur an diesen Keutenberg kann ich mich nicht mehr errinnern, aber der Name sagt mir, dass er sehr steil und hart ist. Und meine Kräfte neigen sich langsam aber sicher dem Ende zu. Aber dann, am Keutenberg (ich habe recht, er ist sehr steil), sehe ich, dass auch die Fahrer rechts und links neben mir am kämpfen sind. Aber dann, keine Abfahrt, sondern ein langes flaches Stück mit Seitenwind. Ich kämpfe mit allen Mitteln, um das drei Meter grosse Loch vor mir wieder zu schliessen. Nur nicht nachgeben, nachher kommt für eine Weile nur noch der Cauberg.
Und da gibt es nur eins, ganz vorne beginnen, und dann hoffen, dass ich oben wenigstens mit den letzten der Gruppe noch mitkomme. Die Strasse ist breit und steil, wie konnte ich da an einer Tour de France Etappe überhaupt noch angreifen? Und bei meinem Sieg hier vor vier Jahren, bin ich ganz locker hochgefahren! Dem ist Heute gar nicht so, aber ich bin oben noch dabei, und das Feld ist schon merklich kleiner geworden.
Bei der ersten Zieldurchfahrt beginnt es zu Regnen, vorne sind, glaube ich, einiger Fahrer weg, aber ich habe keine Ahnung wer und wieviele. Nach dem St.Pietersberg beginnt MG zu fahren, ich finde am Hinterrad von Michele Bartoli, dem Leader im Weltcup, unterschlupf. Für die nächsten 10km bin ich so gut versorgt, allerdings sehe ich fast nichts mehr, meine Brille ist völlig verschmutzt, angelaufen und was weiss ich noch alles. Entnervt schmeisse ich sie weg, und merke, dass es gar nicht mehr so stark regnet. Waren das nur die Tropfen auf dem Glas? Der drittletzte Berg nähert sich, der Hallembay oder so, einen Kilometer, breite Strasse, geradeaus und steil. Bei meinem Sieg habe ich hier mit Gianni Bugno die letzten Begleiter abgeschüttelt. Aber wie soll ich heute nur da hoch kommen? Ich kämpfe, kämpfe und kämpfe nochmals, danach kämpfe ich auch noch, um das kleine Löchlein von 10m zu flicken. Endlich wieder in der Gruppe, sofort nach vorne. Ich weiss nicht, wieviele Fahrer wir noch sind, ich muss nur unbedingt wieder ganz vorne in den nächsten Stutz, dann überlebe ich vielleicht auch den.
Es regnet wieder in strömen, als wir den letzten Berg 4km vor dem Ziel in Angriff nehmen, nochmals den St.Pietersberg. Ich riskiere fast mein Leben, aber ich komme vorne um die Spitzkehre, so habe ich bis oben ein wenig spatzig. Aber da es sehr schmal ist, verliere ich nicht mal viele Positionen und beginne den Schlusssprint schon in der Abfahrt (wie alle andern auch). Der letzte Kilometer. Nehme ich das Hinterrad von Sciandri? Oder Ekimov? Sörensen wäre auch noch? Egal, nur noch treten. Immerhin, zwischen der siebten und zehnten Position überquere ich die Ziellinie. Jetzt müsste man nur noch wissen, wieviele Fahrer vorher weggefahren sind.

Zihlschlacht, 27.April 97
Endlich wieder einmal zu Hause! Wenn nur der Schreibtisch nicht von zu "Erledigender Post" überquillen würde. Kurz und Gut: Viel Arbeit und wenig Training, heute wenigstens.

Frankfurt, 1.Mai 97
Rund um den Henningerturm
Ich bin das Rennen so stark wie ein Amateur gefahren! Einer der ersten die abgehängt wurden. Aber ist vielleicht fast besser so, jetzt kann ich beruhigt in die Ferien fahren. Wenn ich gewonnen hätte, würde ich ja mit einem schlechten Gewissen die Erholung machen und würde lieber Rennen fahren!

Cran Canaria, 2. bis 9. Mai
Ihr könnt mich alle mal. Ich bin weder über Telefon, E-Mail, noch sonst wie erreichbar. Ich mache Ferien und bin nur für mich und meine Familie da!
Viele Grüsse in den kalten Rest der Welt!
Rolf

Zihlschlacht, 10. Mai
So, ich bin erholt, braungebrannt und motiviert wieder zurück. Brrrr, ist das eine Kälte hier! Es war sehr schön und ich habe viele nette Deutsche kennengelernt. Aber nun eine Frage an meine nördlichen Nachbarn: Warum sprecht ihr im Ausland nur Deutsch und kein einziges Wort spanisch? Warum habe ich nicht ein einziges mal gracias und nur immer danke gehört? Und warum habe ich fast nur Schnitzel Pommes gelesen und nie Tortillias?

Zihlschlacht, 11. Mai
Ist der Beginn hart! Wenn ich das vor den Ferien gewusst hätte, wäre ich zu Hause geblieben. Ich bin den Stoss (mein Hausberg) in 26 Minuten hochgeschlichen, meine Bestzeit beträgt nicht ganz 18 Minuten. Na gut, ichhatte Gegenwind, aber gerade so schlecht? Wenigstens kann ich mich jetzt nur noch verbessern.

Zihlschlacht, 12.Mai
Jetzt hat es mich auch mal "erwischt" ! Am Abend standen plötzlich zwei ältere Herren bei mir im Garten, während ich am Rasenmähen war. Sie zückten einen Ausweis, packten zwei Fläschen aus und baten mich um eine Dopingkontrolle. Natürlich war ich im ersten Moment etwas verdattert, aber es lief dann alles recht schnell über die Bühne, schliesslich habe ich ja kein schlechtes Gewissen. Nur mein Sohn Dominik meinte: hoffentlich hast du etwas genommen, dann sperren sie dich und du kannst für immer zu Hause bleiben!

Zihlschlacht, 13. Mai
Die Ferienbeine sind ausgestrampelt. Nach 210km und fast sieben Stunden habe ich nun das Gefühl, wieder schneller als Hobbyfahrer zu rollen. Allerdings muss ich immer noch das Kilo Ferienspeck abhungern, gar nicht so einfach.
Aber ein Tip an alle Hobbygümmeler: Wenn ihr eine Gegend sucht, um gut zu trainieren, kommt in die Ostschweiz. Wir haben alles, Berge, Flächen, Wellen, nicht viel Verkehr und Sonne. Es war wieder mal richtig schön.

Zihlschlacht, 15. Mai
Ich bin zufrieden. Vorgestern 210km, gestern 150, heute 165. Nur dieses Kilo ist immer noch nicht weg (besser wären zwei!). Aber nächste Woche hat unsere Mannschaft ein Trainingslager in Chambéry, französische Alpen, dort werden wir sicher auf Diät gehalten. Und dann sehe ich endlich Olympiasieger und Freund Pascal Richard wieder einmal.

Zihlschlacht, 16.Mai
210km lange habe ich geflucht wie ein Rohrspatz! Dreimal wäre ich fast überfahren worden und jedes zehnte Auto hupte so agressiv, dass es uns schier vom Rad geblasen hat, und das nur, weil Alex Zülle und ich auf den übersichtlichen Strassen nebeneinander gefahren sind. Die Autofahrer, die schnell fahren müssen, sollen doch die Autobahnen benutzen!
Stimmt, heute war ja Freitag, und es ist jeden Freitag so.

Chambéry (F), 19.Mai
Ich bin heute ein kleines Rennen in der Schweiz gefahren, den GP Winterthur, letzter! Ich hatte mit der Geschwindigkeit schon noch Mühe und dann zwei Kilometer vor dem Ziel auch noch einen Platten. Ich weiss also, was ich hier im Trainingslager noch trainieren muss: Berge und Intensität. Hoffentlich hält das sehr schöne Wetter noch ein bisschen hin, dann könnte es morgen hier in den Alpen noch eine schöne (harte) Trainingsfahrt werden.

Chambéry, 20.Mai
Hart ist die Trainingsfahrt geworden, aber schön? Es hat den ganzen Tag Bindfäden geregnet, und so waren wir nur 4 Stunden unterwegs, aber mit 2000 Höhenmeter. Allerdings war ich immer der letzte auf den Bergen, kein gutes Zeichen. So kann ich mich wenigstens nur noch steigern! Morgen will ich wenigstens der zweitletzte sein, jeden Tag etwas weiter vorne.

Chambéry, 21.Mai
Ich komme gerade von der Massage. Eigentlich bin ich nicht ein grosser Fan davon, aber wenn man kaputt ist; einfach daliegen, nichts denken und erholen. Leider schmerzen die Muskeln auch während der Massage, und gar nicht wenig. Aber das dürfen sie heute, 200 km mit acht Bergen, und nicht etwa langsam. Aber immerhin, ich konnte schon vier Fahrer hinter mir lassen.... Wenn das so weitergeht, bin ich ende Trainingslager in Form!

Chambéry, 22.Mai
Erholungstag, 125km, gute Beine.
Wir haben für unseren Lastwagen einen neuen Kühl- und einen neuen Gefrierschrank bekommen. Manche Hausfrau wäre ab einem so grossen Ding neidisch. Darin bewahren unsere Masseure die Nahrungsmittel für die Verpflegung auf und der Gefrierschrank wird zum Eis herstellen gebraucht. Gegenüber steht die Waschmaschine und der Tumbler, für die tägliche Wäsche. Daneben hat es viele Schränke für Bekleidung, Müeslischachteln, Flaschen voll mit Sirup, Wasser und Cola, hunderte von Bidons usw. Im hintern Teil arbeiten die Mechaniker, mit Werkbank und allem Ersatzmaterial. Es finden so nebenbei auch noch 29 Velos und 136 Räder platz. Fals ihr mal in der Nähe der Unterkunft einer Mannschaft sind, benützt die Gelegenheit und schaut mal in die Camions der Equipen rein, es lohnt sich!

Chambéry, 23.Mai
Ich bin zufrieden, ich muss das Rennen Midi Libre nächste Woche nicht fahren. Es kommt etwas zu früh für meine gegenwärtige Form. Ich kann also nochmals zwei Wochen in Ruhe zu Hause trainieren, danach starte ich nun an der Luxenbourgrundfahrt, um den Rennrythmus wieder zu finden und dann bin ich gerüstet für die Tour de Suisse und Tour de France. Ein Ideales Programm.
Heute fuhren wir übrigens 160km mit 5 Bergen. Auf dem dritten massen wir die Laktatwerte, mein Laktat war mit 7,2 über dem Schwellenwert, aber das spührte ich auch ohne Messung!

Zihlschlacht, 26.Mai
Nachdem ich fast den ganzen Morgen an meinem Renner herumgebastelt habe, habe ich ihn entnervt dem Velomech gebracht. Sollte er doch meine MTB-Hörnchen montieren. Und jetzt alles tiptop, die Rennposition ist jetzt fast wie auf einem Zeitfahrerrad!
Da ich noch nie ein grosser Fan dieser Lenkeraufsätze für gewöhnliche Rennräder war, habe ich auch nie einen montiert. Nun habe ich kürzlich bei einem Scott Manager seine MTB Hörnchen am gewöhnlichen Rennrad bewundert, kurz, diskret und leicht. Und sie dann auch prompt in einem zugesandten Paket zu Hause empfangen.
Uebrigens, die ITM Lenkeraufsätze sind sehr gut, sehr schön und sehr leicht!

Zihlschlacht, den 29.Mai
Aus Umweltschutzgründen und Bequemlichkeit war ich mit der Eisenbahn in Zürich. Danach musste ich die Französische Botschaft suchen, vor dem Eingang über eine Stunde Schlange stehen, um in der Schalterhalle nochmals 30 Minuten zu warten. Endlich durfte ich endlos Formulare ausfüllen, meine fünf Passfotos und Pass abgeben, um dann zu erfahren, dass der Arzt, bei dem ich auch schon einen Tag geopfert habe, zwei Formulare nicht unterschrieben hat. Da wäre ich am liebsten in die Luft gegangen! Und alles nur wegen der Arbeitsbewilligung, die ich in Frankreich brauche, da die Schweiz nicht in der EU ist.

Zihlschlacht, 31.Mai
Mein Handgelenk schmerzt. Zum ersten Mal in habe ich Tennis gespielt. Und zwar mit Olympiasiegerin Vreni Schneider und Franco Cavegn, beides Skirennfahrer, und mit Thomas Sutter, Schwingerkönig. Natürlich habe ich alt ausgesehen, aber man muss ja nicht alles können.

Zihlschlacht, 2.Juni
Ich war wiedereinmal mit Alex Zülle am Trainieren. Er fährt übrigens sehr stark und ich war den ganzen Tag am kämpfen. Nach vier Stunden training waren wir noch 60km hinter dem Mottorrad von Walter Zülle. Danach musste ich noch eine Stunde heimfahren, wo ich dann total auf den Felgen ankam. 202km in 5:50 Stunden.
Jetzt bin ich froh, dass es regnet, so gibt es morgen ein bisschen weniger Kilometer.

Zihlschlacht, 4.Juni
siehe Eintrag vorher !
Fast wenigstens. Die Beine haben sehr stark geschmerzt, es war wohl noch Säure von gestern drin (aber nicht nur bei mir). Und hinter dem Motorrad war es auch härter, schliesslich war auch Philipp Buschor, der bei Saeco fährt, mit dabei. Morgen werde ich dann ein bisschen kürzer treten, damit ich Freitag und Samstag nochmals viel machen kann. Nächsten Sonntag habe ich trainingsfrei, mein Fan-Club hat Familientour!
Wer hat heute eigentlich das Zeitfahren am Giro gewonnen?

Zihlschlacht, 6.Juni
Ich freue mich, bis ich endlich wieder Rennen fahren kann. Das Trainieren gurkt mich langsam an. Noch genau fünf Tage und ich kann mich in Luxenbourg an einem Wettkampf messen! Leider bin ich nicht sehr optimistisch, was meine Form betrifft, aber man weiss ja nie!

Luxembourg, 11. Juni
So, ich melde mich wieder einmal. Letzte Woche hatte ich die Schnauze voll von Komputer, Tagebuch und .... (training). Ich suchte beinahe schon eine Arbeit! Ich habe mich die ganze Woche zum trainieren quälen müssen, aber trainiert habe ich wenigstens. Jetzt geht es immerhin wieder besser, und auf morgen bin ich sehr gespannt, wie es mir in der ersten Etappe der Luxenbourgrundfahrt läuft. Ich bin etwes skeptisch.
Wer einen guten Job für mich hat, kann sich melden!

Luxembourg, 12.Juni
1.Et. Tour de Luxembourg
Ich bin hochzufrieden. Es lief mir ganz gut und ich habe sogar Bergpreispunkte ergattert. Nach der Etappe habe ich sogar Stretching gemacht, das will einiges heissen. Ich hoffe nur, dass es jetzt so weitergeht, dann starte ich hochmotiviert in die Tour de Suisse.
Es gab übrigens einen Massensprint mit dem Sieger Eric Zabel. Weltmeister Museeuw, Rolf Sörensen und Bartoli kamen im Gruppetto ins Ziel und Jalabert fuhr den ganzen Tag unauffällig im Feld, was führen sie wohl im Schilde?

Luxembourg, 13.Juni
2.Et. Tour de Luxembourg
Heute machte ich schon wieder Stretching! Auf der 200km langen Etappe mit einem Schnitt von 42km/h fühlte ich mich eigentlich recht gut. Auf den letzten 50km habe ich mit vier Telekom Mannen, Johann Museeuw und Gianni Bugno im Feld Tempo gemacht, und ich glaube, dass wir ziemlich schnell unterwegs waren. Die Ausreisser sind aber erst auf dem letzten Kilometer eingeholt worden.
Aber Gianni Bugno lernt das Mannschaftsfahren wohl nie, auch heute ist er jeweils 4km schneller gefahren als wir, wenn er an die Führung kam. Aber das ist alt bekannt, man darf ihm auf keinen Fall zurufen, dass er langsamer fahren soll, dann beschleunigt er noch mehr. Aber zum Glück wussten dies alle, und so fluchten wir nur innerlich.

Luxembourg, 14.Juni
3. + 4.Et. Tour de Luxembourg
In der Morgenetappe bin ich mit einer Gruppe 10km vor dem Ziel wieder eingeholt worden. Es läuft wirklich besser als erwartet, aber in Hochform bin ich auch noch nicht. Im Zeitfahren am Abend habe ich auf 16km auf den zweit platzierten Alberto Elli (Casino) nur etwa 50 Sekunden verloren. Liegt das am neuen Zeitfahrervelo, das ich heute zum ersten Mal gefahren bin? Ich habe da eine sehr gute Position und das Material ist auch super. Aluminium, sehr leicht und stabil. Jetzt will ich morgen ein bisschen Kraft sparen und dann schauen, was ich im Prolog der Tour de Suisse zu Hause kann.

Diekirch (L), 15.Juni
5.Et. Tour de Luxembourg
Ich habe gelitten, den ganzen Tag. Die Mannen von Mapei haben wie die Verrückten über die Hügel geführt, um das Leadertrikot von Vandenbrouke zu verteidigen. Am Schluss hat es aber doch einen Massensprint gegeben, mit dem Sieger - Jann Kirsipuu- von, richtig, Casino, c'est votre équipe. Wir sind hochzufrieden, und Alberto Elli im Gesamtklassement zweiter. Im Gegensatz zur unserer Mannschaft an der Dauphine, die konnten, so hörte ich, nichts.

Gottlieben (CH), 17.Juni
Prolog Tour de Suisse
Ich starte erst um 18.22 Uhr und muss den ganzen Nachmittag in Romanshorn verbringen, da man die Strecke nur zwischen 15 und 16 Uhr besichtigen kann. Aber zum Glück kann ich da zwischendurch nach Hause, ich wohne ja nur 8km vom Prolog entfernt, unser Mannschaftshotel ist hingegen 22km weit weg.
Der letzte Tag war etwas stressig, da jede Lokalzeitung noch im letzten Moment exklusiv etwas von mir haben wollte. Aber wenn dann die Tour de Suisse endlich läuft, wird es auch ruhiger.
Ich hoffe, dass es bei meinem Start zum Prolog nicht regnet, bei diesen vielen Kurven hätte man da keine Chance mehr, und meine würde dadurch noch viel kleiner!
Und sie sind kleiner geworden. Natürlich hat es bei mir wieder geschifft! Aber irgendwie bin ich zufrieden, Alex Zülle geschlagen, Gianni Bugno auf 7km eingeholt!
Jetzt ist es schon 23Uhr und ich hatte immer noch keine Minute Ruhe. Aber jetzt schalte ich den Komputer aus und schaue "Good morning Vietnam" auf ORF 1

Egerlingen, 18.Juni
2.Et. Tour de Suisse
Was für eine Zielankunft! Um tausend Hausecken, über hundert Tramschienen, vorbei an Verkehrsinseln, und am Schluss noch den 6.Rang im Massensprint. Eigentlich bin ich mit Heute sehr zufrieden, die Beine waren auch in den kleinen Bergen recht gut, die wir heute hinaufgesprintet sind. Wenn es so weitergeht, bin ich sehr zuversichtlich, in dieser Tour de Suisse endlich von einem Etappensieg zu berichten. Seit ich dieses Tagebuch schreibe, habe ich noch kein einziges Rennen gewonnen, hoffentlich ändert sich das möglichst schnell.
Gratulation an die Deutschen Fans, Zabel hat gewonnen!

Neuenburg, 19.Juni
3.Et. Tour de Suisse
Endlich, endlich habe ich Zeit, mich an dieser Tour de Suisse etwas zu Erholen. Bis jetzt war immer etwas los, gestern hat das Fernsehen gedreht, wie ich diese Seite schreibe. Auch heute morgen hatten wir keine Ruhe, wir wurden eine Stunde früher geweckt als üblich, und dann wurde an allen Fahrern unserer Mannschaft Blut abgezapft. Es wurde kontrolliert, ob wir den Hämatokritwert etwas mit EPO aufgepäppelt haben. Aber natürlich sind alle clean.
Unser Fahrer Agnolutto hat die Etappe gewonnen und das Leadertrikot übernommen. Das heisst wieder mal viel Arbeit morgen. Mir lief es ganz gut, habe auch angegriffen, aber hinter mir sind immer alle hergefahren und die andern lassen sie ohne Gegenwehr 12Minuten Vorsprung; immer dasselbe.

Kandersteg, 20.Juni
4.Et. Tour de Suisse
Das war hart. Meine Mannschaft war am Limit wie unser Leader auch. Aber das Trikot haben wir noch, nur bin ich jetzt nicht mehr so sicher, dass wir die Tour de Suisse gewinnen. Das könnte noch spannend werden.
Schade, dass ich heute so viel arbeiten musste, mir läuft es nicht schlecht, Pardon, ganz gut. Aber ich bin so zuversichtlich wie schon lange nicht mehr, dass ich nächstens doch noch einen Sieg herausfahren kann.
Übrigens habe ich heute einen neuen persönlichen Geschwindigkeitsrekord an dieser Tour de Suisse aufgestellt. In der Abfahrt der Vue des Alp 100,1 km/h!

Spiez, 21.Juni
Zeitfahren 5.Et. Tour de Suisse
Ich komme gerade von unserem Osteopathen zurück. Er fand, dass ich in der Nackengegend Verspannungen habe und dann hat er so lange an meinem Kopf hin und hergerissen, dass ich Angst hatte, er reisse ihn mir vom Laib! Aber es ist tatsächlich besser jetzt.
Es kann zwar fast nicht besser sein, beim Zeitfahren bin ich in die ersten 20 gekommen, ohne Warmzufahren, ohne die Strecke zu kennen und ohne grosse Moral. Wer weiss, wenn das so weitergeht.....

Bosco Gurin, 22.Juni
6.Et. Tour de Suisse
Regen, Regen, Regen, nachher Berge, Berge, Berge. Und was für welche. Da haben sie die Königsetappe annulliert und ein Ersatzparcour gewählt, und dann fährt man 3km mit 39/25 am Anschlag, das kam in meiner ganzen Profikarriere noch nie vor. Die Berge waren für mich etwas steil, aber ich bin doch noch relativ gut in Bosco Gurin angekommen. Und unser Leader Agnolutto ist super gefahren. Leider haben wir die Tour de Suisse noch nicht im Sack, aber heute hat er der ganzen Mannschaft eine super Moral gegeben.

Zug, 23.Juni
7.Et. Tour de Suisse
Erstmals vielen Dank für all die Mails, die ich in den letzten Tagen bekommen habe. Ich versuche hier, mal einige häufig gestellten Fragen zu beantworten.
Es stimmt tatsächlich, dass ich am Zeitfahren einen "Kaltstart" hingelegt habe, nicht sehr gesund und mit vielen Schmerzen verbunden, aber für die hinteren Fahrer fast normal. Möglichst gut erholen und wenige Kilometer machen, das ist so das Motto eines Zeitfahrens. Und mein Tagesablauf, z.B. Heute:
7.30 aufstehen und Frühstücken, Brot, Gipfeli, Müesli, keine Spaghetti, Koffer packen und noch etwas Zeitungen lesen. 10.15 Mannschaftsbesprechung, 10.30 mit dem Velo zum Start (5km), 11.50 Start zur Etappe, 17.00 Ziel, noch 30 Minuten ins Fernsehen, dann 40 Minuten mit dem Auto ins Hotel, Duschen, den Bericht für den Blick schreiben (mache ich auch noch), 19.15 Massage für 50 Minuten, 20.30 Essen bis ca. 22.00 Uhr. Den Bericht fürs Internet ausdenken und um 23.00 ist Erholung angesagt.

Wetzikon, 24.Juni
8.Et. Tour de Suisse
Ich bin kaputt. Alberto Elli und ich sind 120km lange an der Spitze des ersten Feldes gefahren. Der Rest unserer Mannschaft war hinten und hat 24 Minuten kassiert. Aber ich muss sagen, wir sind sehr stark gefahren, auch wenn Eigenlob stinkt. Ich mache es heute ein bisschen kürzer, ich brauche Erholung.

Davos, 25.Juni
9.Et. Tour de Suisse
Am Anfang hatten wir es relativ locker, dafür wurde im Finale umso schneller gefahren. In den ersten Steigungsprotzenten wurde es dann aber schon das erste Mal etwas kritisch. Alberto Elli und ich mussten wieder mal für unsern Leader die Kohlen aus dem Feuer holen. Bis nach Klosters hatten wir keine Zeit, das kleine Blatt zu gebrauchen, wir sind alles 53/19 oder grösser gefahren. Dafür hat es mich dann nachher parkiert! Aber unser Leader ist noch Leader, und jetzt nur noch ein Tag, und dann wäre es bereits das vierte mal, dass ich an der Tour de Suisse in der Siegermannschaft bin. Und Geld verdiene!

Zihlschlacht, 27.Juni
Der Koffer ist ausgepackt, die Tour de Suisse vorbei. Am letzten Tag griff zwar die Mapei Mannschaft mit Oskar Camenzind am Wildhüsler noch an, aber sie waren kaputt und so konnten wir den Leader ohne Probleme auf die Rennbahn in Zürich steuern. Das vierte mal, dass ich nun schon in der Siegermannschaft der Tour de Suisse stecke!
Und heute im laufe des Tages werde ich dann noch die Mannschaftsbuchhaltung nachführen. Schätzungsweise werden etwa 3000 Franken netto für jeden Fahrer von uns übrigbleiben, nicht schlecht, in nur 10 Tagen!

Rouen (F), 3.Juli
Der Stress à la Tour de France hat schon wieder begonnen. Morgens die Reise, danach zwei Stunden lockeres Training, zwischendurch endlich wieder einmal die Beine rasieren, und dann ab zum Medizinischen Untersuch der Tour de France. Da muss jeder Fahrer antreten, die Kranken und Schwachen lassen sie dann nicht starten, aber wie immer sind alle gesund und stark. Immerhin konnten wir heute zum Untersuch antreten, dann haben wir morgen bis zur Fahrerpräsentation etwas freie Zeit.

Rouen, 4.Juli
Es war ein bisschen wie Weihnachten heute. Wir bekamen einen Haufen neues Material, Rennhosen, Trikots, weisse Socken, so dass wir auch ausrüstungsmässig einen guten Eindruck hinterlassen. Auch erhielten wir von der Mannschaft eigene Visitenkarten und nächsten Montag kommt mein neues Karbonrennrad extra für die Tour. Auch erhielten wir vier Bücher von den Organisatoren: eines mit dem Streckenbeschrieb, Zielankünfte ect., eines mit allen Hotels, Transferpläne usw., dann eines mit den Reglementen und den Preistabellen und eines wo alle Resultate von allen Tour de France drin sind. Dort bin ich leider erst mit einem einzigen Etappensieg vermerkt.

Rouen, 5.Juli
Prolog
Diese Zeitfahren sollten abgeschafft werden. Ich fand den Rhythmus nie, hatte ein Gewürge und bin auf den letzten zwei Kilometer noch total versauert. Aber immerhin, es kann noch besser werden.
Aber wenn ich die Fahrer jetzt im Fernsehen sehe, die noch unterwegs sind, bin ich eigentlich mit meiner Zeit noch zufrieden, bei einem einigermassen guten Tag von mir, währen 10 sec. schneller gut dringelegen

Forges-les-Eaux, 6.Juli
1.Et. Tour de France 209km (inkl. Neutralisation ect.)
Ich habe schon fünf Minuten auf dem Buckel. Aber ob 30Sekunden oder ein paar Minuten, ändern tut sich für mich nichts, in Paris geht’s dann um Stunden! Ich bin froh, dass ich nicht gestürzt bin. Nach dem Massensturz von 30 Fahrern 11km vor dem Ziel habe ich es dann gemütlich genommen. In der ersten Hälfte heute habe ich zwei- drei mal angegriffen, das Gefühl war nicht schlecht, aber ich bin dennoch nicht weggekommen. Leider kann ich nicht schreiben, was ich in den nächsten Tagen vor habe, Feind liest mit!

Vire 7.Juli
2.Et. Tour de France 265km
Schon das erste Mal kaputt. Die Hitze waren wir Fahrer uns nicht mehr gewöhnt. Und die Distanz war auch nicht ohne. Ja, die Tour hat begonnen. Keine Zeit für die Erholung, immer noch eine Stunde Autofahrt vor dem Start und nach dem Ziel, alle wollen Autogramme, alle wollen einem auf die Schulter klopfen. Die Leute nerven mich jetzt schon, wie kommt das in zehn Tagen? Und all die Journalisten, die alles wissen wollen.

Plumelec 8.Juli
3.Et. Tour de France 228km
10km vor dem Ziel stand ich wieder mal mitten im Haufen, Betonung auf stand. Ich weiss nicht, warum ich nicht gestürzt bin, irgendwie konnte ich wie ein Skifahrer eine Vollbremsung machen, als sie vor mir die Saltos schlugen. Danach streiften mich noch drei Fahrer, als sie von hinten an mir vorbei flogen. Mein Schutzengel hat gute Arbeit geleistet, dafür habe ich wieder zusätzlich vier Minuten auf dem Buckel. Und die Beine sind auch noch nicht so gut, wie die von Erik Zabel. Beim Treppen laufen merke ich jede Muskelfaser, und das schon nach drei Etappen.

Puy de Fou 9.Juli
4.Et. Tour de France 227km
Das Streckenkärtchen unter den linken Hosenstoss, die Schinkenbrötchen in den rechten Trikotsack, die Törtchen in den linken. Und die kleine Roulade in die Mitte. Der Bidon Sirup in den vorderen Bidonhalter, das Wasser in den hinteren. Der Kilometerzähler auf den Lenker, Brille und Helm auf, fertig, bereit für den Start. Und das jeden Morgen, vor hunderten von Leuten, die interessant zuschauen. Manchmal komme ich mir vor wie in einem Zoo. Mais, c'est le Tour!
Und es läuft langsam besser, ich war im ersten Feld.

Lausanne, 9. Mai
4 + 5 Etappe Tour de Romandie
Am Morgen hatte ich sehr, sehr schlechte Beine. Da dachte ich schon, meine Form ist endgültig vorbei. Beim Zeitfahren bin ich dann "locker" gefahren, das heisst, einfach so, dass meine Beine nicht allzusehr geschmerzt haben. Die Strecke kannte ich auch nicht und meine Muskeln aufgewärmt, was soll das? Ich bin ohne irgendwelche Moral gestartet. Jetzt bin ich natürlich sehr erstaunt, ich bin so um den 30. Rang klassiert. Bin ich doch noch in Form? Morgen bin ich sehr im ungewissen: wenn ich schlechte Beine habe, bleibe ich den ganzen Tag im Feld sitzen, spüre ich aber noch etwas Zupf, werde ich angreifen. Alles ist möglich.

La Châtre 10.Juli
5.Et. Tour de France 263km
Dieses Affenschwein wie Vasseur sollte man haben. Er gewinnt die Etappe, weil Cipollini Zabel den Etappensieg und das Leadertrikot nicht gönnt.
Am Anfang war auch ich mal in einer Gruppe, es waren fast alle Mannschaften vertreten ausser Mapei, sonst, wer weiss? Aber alles in allem habe ich auch diese lange Etappe gut verdaut. Einige Fahrer werden jetzt ein bisschen müde und dann werde auch ich mal was zünden.

Marennes 11.Juli
6.Et. Tour de France 220km
Endlich hatte ich ein gutes Gefühl in meinen Beinen. Ich bin mit Abdujaparov 30km lang geflüchtet, 12km vor dem Ziel sind wir dann aber eingeholt worden. Es hatte ein bisschen gar viel Gegenwind. Dafür bin ich um all diese Stürze herumgekommen, die im Feld passiert sind.
Und der Sprint heute!! Zabel deklassiert, er hat mit dem Kopf die Gegner beiseite geschoben, Steels aus dem Rennen ausgeschlossen, er hat mit einem Bidon nach Moncassin geworfen, und Abdu war nach der zweiten Etappe gedopt, und muss nun auch nach Hause!

Bordaux 12.Juli
7.Et. Tour de France 200km
Die Mannschaft GAN hat mich heute verrückt gemacht. Den ganzen Tag sind sie hinter drei Ausreissern hergefahren, die für das Gesamtklassement unbedeutend waren. Natürlich wer einer der drei von meiner Mannschaft, Marco Saligari. Sie haben die Flüchtlinge 15km vor dem Ziel eingeholt, und dann hat unser Jann Kirsipu noch zweiter im Sprint gemacht. Endlich ist ein wenig Geld in die Kasse gekommen.

Pau 13.Juli
8.Et. Tour de France 173km
Das war eine schnelle Etappe, ca. 48 km/h Schnitt. Die Beine sind gut, aber ich habe immer noch nichts gewonnen. Und jetzt kommen die grossen Berge, da wird es für mich erst recht schwer. Obwohl, so gut habe ich die erste Woche an der Tour noch nie überstanden, auch moralmässig. Letztes Jahr um diese Zeit hing ich schon völlig in den Seilen. Ich traue mir also in dieser Tour noch etwas zu, ich muss nur noch auf eine mittelschwere Etappe warten. Und überhaupt, die Etappe die ich hier schon mal gewonnen habe war die längste und auch noch mit Bergankunft!

Loudenvielle 14.Juli
9.Et. Tour de France 195km
Scheiss Tour! Den ganzen Tag voll geblocht, in den Abfahrten im Nebel das Leben riskiert, den ganzen Tag grosse Beinschmerzen und eine heiden Schinderei! Und am Ziel total kaputt und 27 Min. Rückstand. Danach noch eineinhalb Stunden mit dem Auto ins Hotel. Wenn man das alles mit einem Hund machen würde, würde der Tierschutzverein eingreifen, aber wir sind ja nur Rennfahrer. Das ist garantiert meine letzte Tour. Nach Paris komme ich vielleicht auch nur mit der Werbekarawane! Zum Glück ist morgen eine kurze Etappe, 252km mit 6 Pässen.
Was rege ich mich überhaupt auf, ich könnte ja alles hinschmeissen und nach Hause.

Andorra, 15.Juli
10.Et. Tour de France 275km
Ich bin besser angekommen wie gestern, im letzten, grossen Gruppetto, 43Min. hinter Jan Ullrich. Aber wir waren über 80 Fahrer! Und kaputt bin ich trotzdem, aber vielleicht greife ich morgen im ersten Berg an, die andern sind schliesslich auch müde.

St.Etienne, 16.Juli
11.Et. Tour de France 195km
Ich wollt, ich könnt endlich mal etwas positives von der Tour berichten! Aber wieder nur Scheisserein, am ersten Pass hatte ich Mais mit Virenque, bis ich ihm vor laufenden Kameras den Vogel zeigte, dann war ich erfolglos in zwei kleineren Fluchtgruppen, und als Finco 12km vor dem Ziel auf meinen Angriff konterte, schauten alle zu, und die drei kamen ohne Probleme bis ins Ziel durch. Und der Järmann war wieder mal nicht dabei.
Am Ziel dann ganze sechs Duschen für 180 Fahrer und nach dem Flug wieder erst spät im Hotel. Aber man staune, meine Moral ist noch gut und kaputt bin ich eigentlich nicht. Jetzt muss ich halt bis nach den Alpen warten, bis ich wieder was Unternehmen kann.

St.Etienne, 17.Juli
Ruhetag
Ruhetag ist Ruhetag und so habe ich ihn auch genossen. 30km locker trainieren, Schuhe putzen und im Koffer wieder mal für Ordnung sorgen. Dann natürlich noch eine Massage und schon ist der Tag fast wieder gelaufen. Aber endlich fand ich mal Zeit, in einer Zeitschrift etwas zu lesen. Jetzt bin ich wieder auf dem neuesten Stand, was draussen in der Welt so läuft, auch wenn das Heft schon zwei Wochen alt ist.

St.Etienne, 18. Juli
12. Et. Tour de France Zeitfahren 57km
Fast neun Minuten habe ich verloren und ich bin dennoch zufrieden. Und die super Leistung, die Jan Ullrich geboten hat, mag ich ihm von Herzen gönnen. Ich hoffe, er lässt nun Virenque wie bisher ein wenig vor ihm herumzappeln, um ihm dann nochmals eine saftige Zeitrechnung zu präsentieren. Die Franzosen haben beinahe Trauerstimmung, weil ihr Richard die Tour wieder nicht gewinnt.
Falls jemand extra wegen mir die Tour im Fernsehen schaut, kann er die nächsten drei Tage getrost ausschalten, ich werde nicht zu sehen sein. Vielleicht nachher, nach Fribourg (Schweiz!)

l'Alpe d'Huez, 19. Juli
13. Et. Tour de France 215km
Der Mythos Alp d'Huez! Es ist unglaublich, wieviele Leute uns Rennfahrern zujubeln und uns anfeuern. So ist Radfahren schön. Natürlich habe ich geschaut, dass ich diesen Berg vor dem Gruppetto alleine hochfahren konnte. So konnte ich all die Leute richtig geniessen.
Eigentlich bin ich nicht langsam gefahren, alles 41*19 oder 17 und ich habe 9 Minuten auf 13km kassiert! Unglaublich wie Pantani und Ullrich da raufgesprintet sind!

Morzine, 21.Juli
15. Et. Tour de France 215km
Hallo ich bin wieder da! Da mich die gestrige Etappe mindestens fünf Jahre in meinem Leben gekostet hat, war ich zu kaputt, um überhaupt an Komputer und Tagebuch zu denken. Na gut, heute habe ich sechs Jahre stehen lassen, ganz alleine vor dem Besenwagen habe ich mich die Berge hochgequält, alle Sprinter haben mich stehen lassen. Und dann das Reklamefahrzeug vor mir 100km lang, alle 200m : "e voilà, le dernièr coureur Rolf Järmann" Das war für die Moral nicht gerade förderlich. Aber immerhin, ich bin vor dem Zeitlimit im Ziel angekommen und nur das zählt. Und morgen geht es in die Schweiz. Da muss ich wohl was zünden, nur wie?

zu Hause, 23.Juli
Scheiss Tour. Ich bin noch sehr motiviert gestartet, schliesslich gings ja in die Schweiz. Beim ersten Angriff des Tages war ich noch ganz vorne, 10km später abgehängt. Dann habe ich mich noch 120km alleine weiter geschunden und 40km vor dem Ziel habe ich dann entnervt den Fuss auf den Boden gesetzt. Natürlich war sofort ein Kamerateam zur Stelle und hat meine Aufgabe gefilmt. Mir war da so alles egal, wenn ich nur keine Velos mehr sah!
Jetzt geht es mir moralisch schon wieder viel besser und meine Aufgabe habe ich noch keine Sekunde bereut. Ein paar Tage Erholung und weiter geht’s mit den nächsten Rennen. Zuerst fahre ich Quer durch Lausanne und die Wartenbergrundfahrt, und im Herbst vielleicht noch die Vuelta. Im Moment aber bin ich einfach nur zu Hause.

Pisa, 5.August
So meine moralische Krise von letzter Woche ist vorüber. Ich habe mich wieder aufgefangen und ich habe wieder Trainingsmoral! Letzten Sonntag an der Wartenbergrundfahrt in Basel habe ich aber einen traurigen Eindruck gemacht, aber immerhin bin ich fertig gefahren und mit einer Runde Rückstand 13. geworden. Ich war sogar einigermassen zufrieden und gestern habe ich 200km trainiert, flach und langsam.
Jetzt bin ich gerade in Italien angekommen, wo ich morgen das Rennen GP Camaiore bestreiten werde. Wenn ich fertig fahren könnte, wäre es für mich ein Erfolg, das Rennen ist sehr hart.

Zihlschlacht, 8.August
Das Rennen habe ich zwar aufgegeben, aber Moral hat es mir doch gegeben. Ich trainiere wieder recht intensiv und bin sehr motiviert für die nächsten Rennen. Ich hoffe, ich kann die Vuelta España fahren, aber ich muss mich in der Mannschaft zuerst noch selektionieren. Mein nächster Einsatz ist das Weltcuprennen in England, da sollte ich bereits eine gute Figur machen.

Zihlschlacht, 10.August
Endlich kann ich wieder mit Alex Zülle trainieren. Er ist wieder auf der Strasse und nicht mehr nur auf der Rolle. Leider fährt er erst zwischen drei und vier Stunden, wenn ich länger gehen will, muss ich immer noch alleine. Und diese Woche habe ich immerhin 870km gemacht. Ich freue mich schon, bis ich nächsten Sonntag endlich wieder ein Rennen fahren kann, das Weltcuprennen in England

Zihlschlacht, den 12.August
Gestern 125 km, heute 151. Aber bei diesem Wetter ist es ja eine Freude, zu trainieren. Noch zwei Tage viel machen, und dann ist das Training wieder für zwei Wochen fertig und ich kann Rennen fahren.

Zihlschlacht, den 15.August
Soeben bin ich vom Arztbesuch nach Hause gekommen. Eine Woche Trainingsverbot! Ich habe mir den Fuss verstaucht und eine Risswunde am grossen Zehen eingefangen. Dass solche Sachen immer dann passieren müssen, wenn man Moral hat? Aber nächsten Mittwoch in Italien werde ich bestimmt am Start sein, für diesen Sonntag muss ich jetzt halt leider passen.

Zihlschlacht, den 17.August
Es fuchst mich schon, dass ich heute nicht am Start sein kann. Vor allem, wenn ich denke, dass der Fuss schon gar nicht mehr so fest geschwollen ist. Ein Start wäre nämlich möglich gewesen. Eigentlich dürfte ich ja noch nicht trainieren, aber zwei Stunden werden doch nichts machen...?

Arona (I), 19.August
Endlich kann ich wieder ohne grosse Probleme trainieren und morgen darf ich endlich wieder einmal ein Rennen fahren. Wie wird es wohl herauskommen? Ich bin sehr motiviert aber vier Tage ohne Velo, wie stecke ich das wohl weg?

Asiago, 1. Juni
16. Et. Giro d‘Italia 240 km
Morgen beginnen die grossen Berge und damit für mich das grosse Rechnen. Der Kontrollschluss ist sehr, sehr knapp bemessen, das gibt Probleme. Morgen sind es für die 220 km lausige 37 Minütchen! Am Passo Duran verliere ich 12 Minuten, am Forcella Staulanza 13, Marmolada 13, Passo di Sella 10, gibt zusammen 48 Minuten! Wo spare ich nur die 11 Minuten ein? Also muss ich von anfang an voll fahren, Duran 5, Staulanza 10, Fedaia 12, Sella 8, gibt 35 Minuten, und die Abfahrten und Flachstücke muss ich gleich schnell fahren wie die Spitze! Die Marschtabelle stimmt, kann ich sie aber einhalten? Das gibt für sehr viele Fahrer Probleme, morgen in den Bergen.

Arona, 20.August
Ich bin wieder auf den Boden der Realität geholt worden. Mit Moral gestartet, in der ersten Fluchtgruppe dabei und dann vom Feld auf der Fläche abgehängt worden. Aber mein Fuss schmerzt fast nicht mehr, dafür alles andere, der Rücken, der hintere Oberschenkelmuskel und natürlich die Beine. Wahrscheinlich verkrampfe ich mich wegen dem Fuss auf dem Velo. Aber das wird sicher jeden Tag besser.
Morgen steht die Coppa Bernocci an, wenn ich da nur fertig fahren könnte!

Arona, 21.August
Die ersten 100 km war ich ohne Probleme, ich fühlte mich sogar stark. Aber nachher bin ich wie gestern in eine Krise geschlittert und habe nach 130km aufgegeben. Aber ich bin besser gefahren als gestern, jetzt sollte es nur so weiter gehen.

Arona, 22.August
Endlich, die Fäden habe ich jetzt aus meinem Zehen herausoperiert. Jetzt bin ich wieder ganz. Obwohl ich fast Blut geschwitzt habe, mit einem Sackmesser ist es halt nicht ganz ideal, so was zu machen.
Ein Rennen bin ich ja auch noch gefahren, identisch mit dem Eintrag vom Vortag. Der Meisterschaft von Zürich vom Sonntag sehe ich mit etwas gemischten Gefühlen entgegen. Ich habe Zweifel, ob ich da die ganzen 250km durchstehe, wo ich hier schon nach 120km nudelfertig bin.

Zihlschlacht, 24.August
Jetzt bin ich aber sehr, sehr zufrieden. Ich bin die Meisterschaft von Zürich fertig gefahren und die ersten 180km hatte ich sogar gute Beine. Nachher hat mir die Kraft gefehlt, um mit dem ersten Feld ins Ziel zu kommen, aber mit meinem 52.Rang bin ich dennoch zufrieden, ich bin klar in aufsteigender Form.

Biella (I), 25.August
Nun bin ich in Biella angekommen, mit ein bisschen weniger Geld als vorgesehen (eine nicht eingeplante Radarkontrolle auf der Autobahn), aber hochmotiviert für morgen. Es sind zwar nicht meine Rennen hier mit jeweils einer Bergankunft, aber für's Training gibt es nichts besseres. Ich werde die Berge hochfahren, bis es mich hinstellt, und dann nächsten Sonntag in Plouay wieder seit langem das erste Mal auf ein gutes Resultat fahren.

Verbania (I), 26.August
Ich war doch noch nicht ganz so erholt vom Sonntag. Aber die Pulsaufzeichnung zeigte doch, dass die Form kommen sollte. Der Maximalpuls war heute bei 187 Schlägen und kurz nachher schon wieder 80. Das zeigt, dass ich mich auch schnell erholen kann, nur die Kraft fehlt noch ein bisschen.

Verbania, 27.August
Den ersten Berg bin ich mit den ersten hochgekommen, was mir grosse Moral gegeben hat. Danach eine kleine Flucht von 40km zu Zweit, und im Schlussaufstieg hatte ich endlich auch mal etwas Kraft. Ich bin auf dem Weg zur Besserung!

Zihlschlacht, 29.August
Nach dem Regenrennen von gestern, das ich wie viele andere aufgegeben habe, bin ich heute wieder einmal mit Alex Zülle trainieren. Er fährt wahrscheinlich noch eine gute Spanienrundfahrt, und ich weiss immer noch nicht, ob ich da überhaupt am Start bin. Ich werde am Sonntag wohl auch um diese Qualifikation fahren müssen.

Zihlschlacht, 2.September
Ich bin wieder zu Hause und habe das Rennen in Plouay gut überstanden. Ich hatte endlich wieder mal das Gefühl, zu den stärksten zu gehören. Leider war ich dann etwas zu früh in verschiedenen Spitzengruppen und 25km vor dem Ziel hat es mich dann etwas hingestellt. Schlussendlich mache ich dann noch 21. (Bester von Casino)
Leider bin ich doch nur Ersatz für die Vuelta, was mich schon etwas fuchst. Jetzt fahre ich halt die Polenrundfahrt, die nächsten Samstag losgeht. Zihlschlacht,

Utska (PL), 6.September
Nach einer schier endlosen Reise sind wir bei strömendem Regen endlich in unserem Hotel angekommen. Jetzt nach dem Essen glaube ich, dass ich nie ein grosser Fan von Polen werde. Aber vielleicht ändert sich das noch, hoffentlich. Viel gesehen habe ich aber noch nicht, unsere Mechaniker sind mit dem Camion irgendwo steckengeblieben und wir haben so noch keine Velos für das Training hier.

Slupsk, 7. September
Für kurze Zeit hat es mir in Polen sogar gefallen. Es kam kein Regen, wir haben mit Lauri Aus die Etappe gewonnen und auch den dritten Rang mit Jaan Kirsipuu.
Dass hier das Preisgeld sofort nach der Zieldurchfahrt ausbezahlt wird, haben die Diebe auch gewusst, und unsere Prämien sind wir los. Ich bin immer noch kein Fan von den Polen, nicht mal von den Polinnen!

Inowroclaw, 8. September
Die Etappe war 250 km lang, unsere 15er Fluchtgruppe dauerte 240 km, im Seitenwind, Regen, schlechten Strassen usw. Und die Etappe habe ich auch nicht gewonnen, nur fünfter mit 17 Sekunden Rückstand. Auch sind wir nur ca. eine Minute vor dem Feld ins Ziel gekommen. Aber jetzt werde ich auf das Gesamtklassement fahren, ich war heute einer von den Stärksten.

Belchatôw, 9. September
Langsam könnte es mir hier noch gefallen. Heute hat Jaan Kirsipuu die Etappe gewonnen, von drei Etappen haben wir damit schon zwei. Entgegen meiner Vermutung hat es doch einen Sprint von etwa 60 Fahrern gegeben. 150m!! nach dem Start war das Feld schon in drei Gruppen geteilt, so einen orkanartigen Seitenwind hatte es. Zum Glück drehte er nachher etwas und so wurde es noch eine ziemlich ruhige Etappe von 200 km. Allerdings den Regen im Finale hätte ich nicht gebraucht.

Jastrzebie, 10. September
Ha, in Polen beginnt es mir zu gefallen! Beim Massensprint nach 230 km konnte ich für Jaan bis zu den letzten 150m den Spurt anziehen, so, dass er wieder locker gewonnen hat. Und im Gesamtklassement bin ich nun auf dem 4. Platz, 9 sek. hinter dem Leader. Morgen geht es in die Berge.
übrigens haben wir ein gutes Hotel, zwar nur kaltes Wasser zum Duschen nach ein paar Regengüssen von heute bei 10 Grad aber morgen soll es warm werden, wer's glaubt.

Cieszyn, 11. September
Eigentlich wollte ich die Etappe gewinnen. Aber in den Bergen am Anfang lief es mir nicht so gut, erst am Schluss etwas besser. Auf den harten Zusatzrunden konnte ich noch einmal angreifen, hat aber leider nichts genutzt. Immerhin, 9. der Etappe und zweiter im Gesamtklassement. Jetzt sehen wir morgen weiter.

Zakopane, 12. September
Leider waren mir ein bisschen die Hände gebunden um die Etappe zu gewinnen. Die anderen guten Fahrer haben mich zu fest beschattet wegen dem Gesamtklassement, aber immerhin 4.Etappenrang und das Leadertrikot! Mir läuft es immer besser und jetzt habe ich natürlich noch eine super Moral. Morgen gibt es nochmals eine etwas bergige Etappe aber wahrscheinlich etwas weniger schwer als heute. Leider habe ich nur noch drei Mannschaftskollegen; da wird es morgen viel Arbeit geben!

Wieliczka, 13. September (endlich wieder mal eine Datenübertragungslinie!)
Es war ein harter Tag, aber ich habe ihn als Leader überstanden und mache etwa 6. Jetzt folgt morgen das 40 km Zeitfahren, dem ich etwas mit gemischten Gefühlen entgegensehe. Jaskula ist 1.20 Min. hinter mir, ob mir das im Zeitfahren reichen wird? Und ein Slowene hat nur 14Sekunden Rückstand und er soll ein guter Zeitfahrer sein. Mal sehen ich werde einfach voll fahren und mein Bestes geben.

Krakau, 14. September
Endlich, endlich habe ich wieder einmal ein Rennen gewonnen. Beim heutigen Zeitfahren musste ich aber noch bös kämpfen, wusste überhaupt nie, wo ich stand und war am Schluss dann positiv überrascht als ich die drittbeste Zeit fuhr. Zenon Jaskula hat die 40 km am schnellsten absolviert und ist auch im Gesamtklassement zweiter, ca. 30 sek. Hinter mir. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man endlich wieder einmal ein Rennen gewinnt, obwohl ich nie die Arme in die Höhe reissen konnte, was mir schon ein bisschen fehlt.

Zihlschlacht, 17. September
Ich bin wieder erholt und blicke mit grosser Zuversicht auf meine nächsten Einsätze. Es wird doch wohl noch möglich sein, dass ich mal die Arme hochreissen kann? Meine nächsten Rennen: GP Isberg vom nächsten Sonntag, dann Emilia, Vignola und die Poulienrundfahrt in Italien und dann am 12. Oktober die WM (hoffentlich)

Zihlschlacht, 19. September
Morgen Reise ich nach Paris, für den GP Isberg. Ich bin sehr, sehr gespannt, ob es mir da auch so gut läuft, wie in Polen.
Hoffen kann man.

Zihlschlacht, 22. September
Ich bin wieder auf dem Boden der Realität. Meine miese Leistung und Aufgabe von letztem Sonntag liesse sich ja noch mit meinem zweitägigen Durchfall rechtfertigen. Mir fehlte meine ganze Kraft. Aber dass ich heute nach nur 100 km total entkräftet zu Hause angekommen bin, gibt mir doch etwas Rätsel auf. Jetzt warten wir mal morgen ab, aber meine ganze Form kann doch nicht schon wieder vorbei sein!?

Pisa (I), 24. September
Irgendwie fühle ich mich überhaupt nicht in Form. Hoffentlich täuscht es, meine guten Beine können doch nicht schon wieder weg sein! Morgen werde ich aber alles geben, was ich habe ich sollte doch meinen Sieg noch bestätigen. Aber bis jetzt ist mir an der Coppa Sabatini noch nie ein gutes Resultat gelungen, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.

Pisa, 25. September
Gewonnen hat ein anderer, nämlich Tafi. Ich habe aufgegeben, das sind die Fakten! Aber so schlimm ist es eigentlich nicht, ich gehörte zu den stärkeren Fahrern. Leider habe ich am Anfang etwas zuviel gemacht und da hat mir die Kraft am Schluss gefehlt. Wir waren nur noch etwa 25 Fahrer, als ich angegriffen habe. Leider haben sie mich dann etwas später gerade am Anfang der Steigung wieder eingeholt und mich etwas später abgehängt. Und da konnte ich mich für die letzte Runde à; 20 km nicht mehr motivieren.

Corregio (I), 26. September
Nach einem zweistündigem Training darf ich sagen, dass ich auf morgen sehr motiviert bin. Obwohl das Rennen, Giro dell' Emilia, sehr schwer ist, hoffe ich eigentlich auf ein gutes Resultat. Im Nachhinein bin ich nämlich mit gestern gar nicht zufrieden, es wäre bei intelligenter fahrweise viel mehr dringelegen.

Corregio, 27. September
Und ich bin wieder nicht ganz zufrieden. Ich bin zwar ein gutes Rennen gefahren und das Resultat mit dem neunten Platz ist gut, aber eben, wenn man in den ersten zehn ist, hätte man ebensogut gewinnen können. Wahrscheinlich das erste mal in einem Rennen, wo die Berge für mich etwas zu kurz waren. Denn da wären viel weniger Fahrer auf den letzten zehn Kilometer gemeinsam angekommen, aber heute waren wir noch etwa dreissig Mann und ich als einziger von Casino musste dadurch etwas Pokern. So entkamen auf den letzten drei Kilometer noch sechs Fahrer und ich habe dann im Sprint noch dritter gemacht.
Und jetzt wüsste ich nur allzu gerne, ob ich für die WM selektioniert bin. Denn so gut in Form wie jetzt war ich zur einer Weltmeisterschaft noch gar nie.

Foggia (I), 29. September
Leider war das Rennen gestern relativ einfach, und so brauchte man etwas Glück, um in der richtigen Gruppe zu entwischen. Ich bin aber dennoch zufrieden, in den kleinen Bergen gehörte ich zu den stärksten, auch wenn wir nachher immer wieder eingeholt wurden. Den richtigen Postabgang auf der Fläche habe ich dann aber verpasst. Aber, gute Beine, gut Trainiert.

Molfetta, 30. September
230 km, flach, geradeaus und langsam. Eigentlich war ich damit gar nicht zu frieden. Und 80 km vor dem Ziel war klar, dass es einen Massensprint gibt. Aber dass ich und Lauri auf dem letzten Kilometer Jaan so gut lancieren konnten, dass alle andern Sprinter keine Chance hatten, stimmte mich wieder sehr versöhnlich. Erste Etappe, erster Sieg und Leadertrikot! Ich lerne in meinen alten Tage noch, wie man die Sprints anzieht

Lecce, 1. Oktober
Im Gegensatz zu gestern wurde sehr schnell gefahren. Mit einem Massensprint, den wir diesmal nicht gewonnen haben.
Ich freue mich auf die Weltmeisterschaft von nächster Woche. Das erste mal, dass ich wirklich eine gute Form habe und die Strecke sollte mir eigentlich auch liegen. Da liegt vielleicht auch noch ein gutes Resultat drin. Ich muss nur nächste Woche irgend wann noch einmal viele Kilometer machen, so, dass ich auch die 250 km der WM gut verdaue.

Marruggio, 2. Oktober
Wir hatten Zeit, die sehr schöne Gegend zu bewundern, blauer Himmel, blaues Meer. Wir sind um den ganzen Stiefelabsatz von Italien gefahren, die Italiener meinen zwar, dies gehöre schon zu Afrika, aber schön war's trotzdem.
Beim Rennen nichts neues, Massensprint.

Zihlschlacht, 5.Oktober
Eine gute Plazierung habe ich durch meine Bequemlichkeit vergeben, aber was soll's. Gewonnen hätte ich doch nicht, wahrscheinlich nicht. Aber jetzt geniesse ich dafür drei Tage etwas Erholung, bevor es zum endgültigen Saisonfinale aufgeht.

8. Oktober
Ich bin gut in Spanien angekommen und morgen kann ich endlich das erste mal den WM Parcours besichtigen. Ist er nun leicht oder schwer? Man hört hier jeder Variante, und jetzt bin ich nun wirklich gespannt.

Hondarribia, 12. Oktober
Weltmeisterschaft
Ich bin total auf den Felgen. Es war ein sehr schweres Rennen, in dem ich am Schluss total eingegangen bin. Die letzten drei Runden hätte ich unmöglich noch fahren können. Dabei hat es ganz gut angefangen. Und als ich mich in der 14.Runde in einer Spitzengruppe mit je zwei Italienern, Franzosen, Deutschen, Spanier, einem Holländer, Belgier, Däne und mit meinem Freund Alex Zülle wieder fand, war ich sicher, dass es der richtige Abgang war. Leider war dem nicht so, die Franzosen sind hinten voll gefahren. Aber wie es sich herausstellte, zu recht. Hondarribia (E),

Zihlschlacht, 13. Oktober
Vorher habe ich im Fernsehen von der Entlassung unseres WM - Coach Wolfram Lindner vernommen. Was ich ganz und gar nicht verstehen kann. Ich rege mich darüber grausam auf, vor allem auf die Art wie.

Turin (I), 16. Oktober
Gestern das Rennen Mailand-Turin, heute die Piemontrundfahrt. Beide male bin ich wieder einmal auf die Welt gekommen. Die Form ist anscheinend weg. Ich bin sehr, sehr froh, wenn ich am Samstag mein letztes Rennen der Saison, die Lombardeirundfahrt, hinter mir habe. Ich brauche dringend Ferien!

Zihlschlacht, 23. Oktober
Ich bin im Winterschlaf! Allerdings nur fast. Da ich die Piemont- und die Lombardeirundfahrt noch aufgegeben habe, bin ich im Moment froh, wenn ich nicht ans Velofahren denken muss. Ich arbeite mein Büro nach, der Garten ist auch noch nicht wintersicher, das Rennmaterial muss noch wintertüchtig gemacht werden, die Familie will ihren Papi auch mal geniessen, und all den Freunden, denen ich noch was versprochen habe......
Bis jetzt war es mir noch keine Sekunde langweilig und das Velo vermisse ich noch überhaupt nicht. Die nächsten zwei Wochen habe ich total trainingsfrei, danach muss ich noch für drei Wochen ins Militär!

Morschach, 3. November
Ich habe schon wieder mit dem Training begonnen. Gezwungenermassen, sozusagen. Ich musste für drei Wochen ins Militär einrücken (schweizerische Institution!) und da gehe ich halt trainieren, sonst stehe ich nur im Wege herum. Allerdings war ich nur fünf Minuten laufen, man muss langsam beginnen!

Morschach, 4. November
Das war super! Mit dem Mountainbike war ich auf dem Fronalpstock auf 1920m. Ganz alleine, Sonnenschein und eine super Aussicht. Allerdings bin ich 1 Std. 50 Min. nur hinaufgefahren, steil hinauf. So macht das Wintertraining spass, auch wenn ich mich für das erste Training etwas übernommen habe.

Morschach, 11.November
Ich bin schon wieder völlig kaputt, nach einer vierstündigen MTB - Tour in den Bergen. Wenn mir da auf 2000m Wanderer im Schnee begegnet wären, und mir gesagt hätten, ich spinne, ich hätte ihnen recht gegeben! Zwischendurch bin ich eine halbe Stunde mit dem MTB auf dem Rücken geklettert, durch Schnee und Sumpf. Aber schön war's trotzdem, und ein gutes Training auch.
Aber jetzt muss ich wieder in den Krieg, vielleicht gewinnen wir ja noch.

Morschach, 17.November
Ich bin immer noch im Krieg, aber wenigstens habe ich jetzt endlich einmal Zeit, mich meinem Zukunftsprojekt zu widmen. Nach meiner Sportkarriere will ich mich für die vielen Hobbysportler einsetzten. Ich will Seminare über die Trainingsplanung, Ernährung, Material und alles, was sonst noch gefragt ist, abhalten. Wer will, kann vor so einem 4 stündigen Seminar noch einen Conconi-Test absolvieren, und erhält dann sofort seine spezielle Trainingsanleitung dazu. Da ich jetzt etwas am Planen bin, bin ich sehr auf Eure Meinung gespannt. Was interessiert Euch am Meisten, würdet Ihr da mitmachen, findet Ihr das gut, was könnte man noch machen?
Sendet mir (jaermann@bluewin.ch) Eure Anregungen und Ideen, damit das eine gute Sache für alle werden könnte.
Übrigens, so ein Seminar wäre für max. 20 Teilnehmer, würde ca. 100 sFr. kosten, inkl. Conconi-Test 220.- . Und das Ganze würde ich bei Interesse mit einem Sportarzt zusammen betreiben.
Fortsetzung folgt bei weiterer Planung.

Nottwil, 18. November
Ich bin gerade an einer Marktanalyse für meine Seminare. Jetzt sollte ich wissen, wieviele Hobby - Velofahrer dass es so ungefähr gibt. Hat jemand solche Zahlen zur Hand? Ich interessiere mich für den Schweizer und natürlich auch für den Deutschen Raum. Ihr Deutschen habt ja wohl die Tour de France gewonnen, aber in Sachen Radsport seid Ihr doch noch etwas hinter dem Mond! Aber ich kann Euch natürlich helfen :-))

Zihlschlacht, 25.November
Ich kann kaum mehr laufen, solchen Muskelkater habe ich. Bei meinem ersten grossen Lauftraining habe ich wohl etwas übertrieben. Aber da ich morgen früh schon wieder für drei Tage in die Toscana zu meiner Mannschaft reisen muss, macht es nicht so viel. Mein offizieller Trainingsbeginn: Montag, 1. Dezember. 10 Uhr mit dem Strassenrad abfahrbereit Richtung Alex Zülle!

Zihlschlacht, 30.November
Ich bin aus dem kurzen Aufenthalt in der Toscana wieder zurück. Drei Tage nur Regen!
Ich freue mich, bis ich morgen wieder mit meinem vollen Training für die Saison 1998 beginnen kann. 13km Laufen und 60km Velo mit Starrlauf stehen auf dem Programm.

Zihlschlacht, 1. Dezember
Zwei Stunden im Regen herumgefahren, aber das Soll erfüllt! Gute Dienste haben mir meine montierten Schutzbleche geleistet, auch wenn es nicht gerade professionell aussieht! Das Lauftraining musste ich leider noch ausfallen lassen, zuviel Muskelkater von letztem Samstag, wo ich schon am Lauf-Cup mitgemacht habe, mich aber etwas "überlupft" habe.
Meine Technogym - Rolle habe ich Heute auch schon montiert und mit dem Komputer verbunden. Man weiss ja nie, vielleicht hat es ja morgen Schnee!

Zihlschlacht, 2. Dezember
Auch der zweite Tag meines Trainingsplanes ging auf 70 km mit dem Starrlauf bei trockenem Wetter. Aber morgen soll der Schnee kommen! Macht nichts, 13 km laufen, morgen und abends eine Stunde Rolle gibt auch drei Stunden. (Ohne Schnee würde ich aber das Strassentraining vorziehen)

Zihlschlacht, 8. Dezember
Mit der ersten Trainingswoche bin ich zufrieden, insgesamt 445 km mit dem Starrlauf und 40 km zu Fuss. Für nur eine Woche Training fühle ich mich auch schon recht stark, auch wenn ich jedesmal nudelfertig zu Hause ankomme. Morgen werde ich die Grenze von 30'000 km seit dem ersten Januar überschreiten.

Zihlschlacht, 9. Dezember
Heute durfte ich bei meinem Adventskalender das Türchen Nr. 9 aufmachen, so wie alle anderen auch. Und siehe da, es zeigte zwei Rennfahrer im Nebel 120 km abspulen. Sie waren am Schluss fix und fertig, alle beide. Und sie waren heil froh, als sie endlich zu Hause waren. Der im gelben Trikot in seinem neuen Heim, dass jetzt zum Glück einige Kilometer näher beim Heim des anderen im gelb - roten Dress steht.

Grosetto, 13. Dezember
1. Tag Trainingslager
Strahlend blauer Himmel, 17 Grad, was will man mehr? Wir haben es sofort ausgenützt und 140 km abgespult. Mir ist es dabei viel zu gut ergangen, ich bin gespannt, wann ich diesen Effort bezahlen muss. Aber vorläufig wird jeder Tag voll ausgenützt, damit ich dann über die Feiertage etwas kürzer treten kann. Übrigens, für das Trainingslager habe ich wieder das normale Rennvelo hervorgeholt und die Starrlaufnabe zu Hause gelassen.

Grosetto, 14. Dezember
2. Tag Trainingslager
Wieder 140 km mit einigen Kraftübungen am Berg. Mir läuft es schon viel zu gut, ich gehöre zu den stärksten in meiner Mannschaft. Hoffentlich bleibt dass das ganze Jahr so!

Grosetto, 15. Dezember
3. Tag Trainingslager
Eigentlich wäre heute etwas Erholung auf dem Programm gestanden, aber die 110 km sind wir dann doch ziemlich zügig gefahren. Langsam merke ich doch, dass ich noch keineswegs eine super Form habe. Aber diesen Abend muss ich noch einige Kilometer zu Fuss zurücklegen, sonst habe ich einen grässlichen Muskelkater, wenn ich zu Hause wieder laufen gehe!

Grosetto, 16. Dezember
4. Tag
Morgens um sieben wurden wir schon geweckt, Blutentnahme für so einen neumodischen Test. Und dann vor Trainingsbeginn kam unser Mannschaftsarzt zu mir und sagte, ich solle mich heute etwas schonen. Meine Muskeln seien müde! Warum soll er das besser wissen als ich? Im Training hielt ich mich dann Anfangs etwas zurück, aber nach drei Stunden pfiff ich auf diesen Test und fuhr am Berg wieder mein Tempo (ich war so wieder mit den ersten oben). Aber erstaunt bin ich eigentlich schon, fünf Stunden ohne Probleme überstanden. Wenn das so weitergeht bin ich Mitte Januar in Form!

Grosetto, 17. Dezember
5. Tag, Regen
Die andern schielten mit neidischen Blicken auf meine montierten Schutzbleche. Anfangs Woche lachten sie mich deswegen noch aus und heute genoss ich im Stillen die Genugtuung. Sie kamen nach drei Stunden total durchnässt und eingefroren im Hotel an. Ich trainierte auch nicht mehr, hatte aber immer schön warm und ausser nassen Füssen schön trocken.

Grosetto, 18. Dezember
Noch sechs Tage bis Weihnachten! Bei mir ist überhaupt noch keine entsprechende Stimmung. Die Beine schmerzen das erste mal so richtig fest, die Müdigkeit dieser Woche macht sich bemerkbar. Auch wenn ich heute als erster auf dem Tirli war, der erste richtige Test der Saison 98. Immerhin habe ich am Schluss noch Bo Hamburger stehengelassen, allerdings bei einem Puls meinerseits von 192 Schlägen. Aber jetzt kann ich dann beruhigt über die Festtage etwas kürzer treten. Im Dezember habe ich bis jetzt 1700 km zurückgelegt.

Massa Marittima 19. Dezember
Obwohl das Trainingslager offiziell vorbei ist, bin ich immer noch in Italien. Mit meinem Schweizer Kollegen Philipp Buschor habe ich noch 150 km trainiert, bevor wir morgen in den Winter zurück kehren. Ich habe jetzt etwas Erholung nötig. Aber einige Ruhetage über die Weihnachten werden mir und meiner Familie sicher nichts schaden.

Zihlschlacht, 24. Dezember
Fröhliche Weihnachten und schaltet den Komputer aus.

Zihlschlacht, 29. Dezember
Jeden Tag mache ich noch einige Zusatzkilometer, solange das Wetter es noch zulässt. Wenn aber jetzt dann kein Schnee kommt, bin ich schon Ende Januar in Form! Über die Festtage habe ich jeden Tag gearbeitet, nicht so viel, aber regelmässig, und dafür auch etwas mehr gegessen.

Zihlschlacht, Jahresende 1997
Ich habe 31'900 km mit eigener Körperkraft zurückgelegt, an 101 Tagen Rennen bestritten, und dafür ca. 5 km Spaghetti gegessen. Ich habe auch an 97 Tagen nicht trainiert, durchschnittlich aber 64 Stunden pro Woche für den Radsport investiert (inkl. diesem Tagebuch) und dafür habe ich ca. 75 Fr. Stundenlohn brutto bezogen (Leider nicht netto). Im ganzen 197 mal in Hotels geschlafen und ungefähr 197 mal mit meiner Familie telefoniert, was 7700 Fr. gekostet hat. Ich war viele male klitschnass und durchgefroren, und auch einige male unter der Sonne ausgetrocknet. Mehr enttäuscht als erfreut, aber dennoch ganz zufrieden, meine ganze Familie ist gesund, inkl. Eltern und Schwiegereltern. Und das ganze werde ich mindestens nochmals ein Jahr freiwillig machen. Die sind Verrückt, die Velofahrer!